Klimamüdigkeit auf dem Vormarsch: Schweizer:innen lassen sich beim Einkaufen kaum vom Klimawandel leiten

Für 4 von 5 Erwachsenen in der Schweiz hat die Klimadebatte kaum oder gar keinen Einfluss auf ihre Konsum- und Finanzentscheidungen. Das zeigt eine repräsentative Umfrage von Comparis. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft dabei eine deutliche Lücke.

Ist diese Melone nun klimaschädlich oder nicht? 80 Prozent der Schweizer lassen sich beim Einkauf von der Klimadebatte nicht beeinflussen. Bild: Depositphotos.com

In Europa stehen Wälder in Flammen, und eine Hitzewelle reiht sich an die nächste. Doch auf das Konsumverhalten der Schweizer Bevölkerung hat die Klimadebatte kaum Auswirkungen: 34 Prozent sagen, sie beeinflusse ihre Entscheidungen gar nicht, weitere 46 Prozent messen ihr nur einen geringen Einfluss bei. Nur bei 20 Prozent schlägt sich die Klimadebatte tatsächlich im Alltag nieder – beim Einkaufen wie beim Geldanlegen. Das zeigt eine repräsentative Befragung von Comparis, durchgeführt im Juli 2026 unter 1’040 Personen in allen Regionen der Schweiz.

Der Wert hat sich gegenüber den Erhebungen vor und während der Corona-Pandemie nochmals deutlich erhöht. «Zwar behaupten viele Schweizerinnen und Schweizer, sie würden etwa Flugreisen oder ihren Fleischkonsum reduzieren, doch die Fakten sprechen eine andere Sprache», sagt Comparis-Finanzexperte Michael Kuhn.

Gutverdienende besonders wenig beeinflusst

Ein differenziertes Bild zeigt sich beim Vergleich nach Einkommensgruppen: 75 Prozent der Personen mit einem tiefen Bruttohaushaltseinkommen bis zu 4’000 Franken geben an, die Klimadebatte habe keinen oder maximal einen geringen Einfluss auf ihre Konsum- und Finanzentscheidungen. Bei Haushalten mit einem Einkommen über 8’000 Franken sind es sogar 84 Prozent.

«Der Verzicht oder eine Verhaltensänderung scheint Gutverdienenden noch schwerer zu fallen als Menschen mit weniger Geld im Portemonnaie. Das dürfte auch daran liegen, dass sich Besserverdienende schlicht mehr Reisen und mehr Konsum leisten können», sagt Comparis-Consumer-Finance-Experte Michael Kuhn.

Wer Kinder hat, handelt nachhaltiger

Befragte mit Kindern im Haushalt messen dem Thema eine höhere Bedeutung zu und handeln auch im Alltag bewusster: 74 Prozent von ihnen geben an, dass die Klimadebatte einen geringen bis sehr grossen Einfluss auf ihre Entscheidungen hat. Bei Haushalten ohne Kinder sind es nur 62 Prozent.

«Wer über die eigene Lebensspanne hinausdenkt und auch kommende Generationen im Blick hat, agiert umsichtiger. Das zeigt sich auch bei der Haushaltsgrösse: Die Klimadiskussion prägt bei Drei- und Mehrpersonenhaushalten das eigene Verhalten deutlich stärker als bei Ein- und Zweipersonenhaushalten», sagt Kuhn.

Klimamüdigkeit macht sich seit Jahren breit

Interessant ist die Entwicklung der Umfrageergebnisse seit der ersten Studie im Jahr 2019: Comparis hat die Frage nach dem Einfluss der Klimadebatte auf Konsum- und Finanzentscheidungen bereits 14-mal gestellt. Zwischen Dezember 2020 und August 2023 antworteten jeweils 66 bis 70 Prozent mit «geringem» oder «gar keinem Einfluss». Danach nahm dieser Wert kontinuierlich zu, bis zu den aktuellen 80 Prozent. Der Anteil der Personen, die gar keinen Einfluss sehen, stieg von einst 18 bis 20 Prozent auf nunmehr 34 Prozent.

«Diese Klimamüdigkeit ist das Resultat eines fatalen Mixes aus greifbareren, dringenderen Problemen wie zum Beispiel steigenden Krankenkassenprämien, höheren Mieten, Kriegen und Teuerung, einer Ermüdung durch eine omnipräsente Debatte sowie einem Gefühl der Machtlosigkeit, teils sogar Fatalismus», ordnet Kuhn ein.

Wollen ist nicht gleich Handeln

40 Prozent aller Befragten, die mindestens einen geringen Einfluss der Klimadebatte auf ihr Konsumverhalten einräumen, gaben an, weniger Fleisch und tierische Produkte zu konsumieren. 36 Prozent erklärten, bei Flugreisen Abstriche gemacht zu haben. Diese Werte sind seit Jahren stabil – doch entsprechen sie der Realität?

Statistische Daten zeichnen ein anderes Bild: Der Fleischkonsum stieg von 48 Kilo pro Kopf im Jahr 2023 auf 51 Kilo im Jahr 2025. Insgesamt blieb er seit 2019 bei rund 50 Kilo pro Kopf stabil, wie der Agrarbericht des Bundesamts für Landwirtschaft zeigt. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Eiern überstieg 2025 erstmals die 200er-Marke und erreichte 209 Stück, gemäss Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Flugreisen: Die Zahl der Lokalpassagiere ab dem Flughafen Zürich stieg von 22,2 Millionen im Jahr 2019 auf 23,2 Millionen im vergangenen Jahr – ein neuer Rekord. Auch die Mikrozensus-Auswertung der HSLU für die Stadt Zürich zeigt, dass Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher 2024 mit durchschnittlich 10’500 Kilometern rund 600 Kilometer weiter geflogen sind als noch 2023.

«Man hätte zwar gerne, dass etwas getan wird, aber wenn es dann darum geht, selbst auf eine Flugreise, Kleider oder ein Schnitzel zu verzichten, will man das dann doch nicht», meint Kuhn. «Zwar gibt es einen kleinen Teil der Schweizer Bevölkerung, der aufgrund der Klimaveränderung bewusster lebt und zum Beispiel weniger Fleisch und tierische Produkte konsumiert. Doch es sind wohl noch deutlich weniger, als der kleine Anteil an Personen, der angibt, entsprechend zu handeln.»

Tipps für bewusstere Kaufentscheidungen

Wer dennoch bewusster konsumieren möchte, kann mit einfachen Massnahmen ansetzen: Eine Pause vor dem Kauf – etwa eine Wartezeit von 24 Stunden – hilft, Impulskäufe zu vermeiden. Zudem lohnt es sich, den Fokus stärker auf die Nutzungsdauer eines Produkts zu legen und langlebige, reparierbare oder ausleihbare Güter zu bevorzugen. Vor einem Neukauf sollten stets Alternativen geprüft werden: reparieren, gebraucht kaufen, tauschen oder leihen. Beim täglichen Einkauf empfiehlt sich das Mitführen einer Einkaufsliste sowie der Griff zu saisonalen und regionalen Produkten. Wer Klima- und Geldwirkung zusammen denkt und Entscheidungen anhand eines einfachen Kriterienchecks – Preis, Nutzen, Haltbarkeit, Herkunft und echte Alternative – trifft, kann bessere Kaufentscheidungen treffen.

Quelle: comparis.ch

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