KI in der Schweiz: Adoption steigt, Tiefe fehlt
Schweizer Unternehmen setzen häufiger auf künstliche Intelligenz als der europäische Durchschnitt – doch die meisten verharren auf einem grundlegenden Nutzungsniveau. Eine neue Studie von Amazon Web Services und Strand Partners zeigt, wo die eigentlichen Herausforderungen liegen.

Das unabhängige Forschungsunternehmen Strand Partners hat im Auftrag von Amazon Web Services (AWS) eine umfassende Studie zur Nutzung künstlicher Intelligenz in der Schweiz durchgeführt. Befragt wurden 2’000 Teilnehmende. Die Ergebnisse sind im Report «Das Potenzial von KI in der Schweiz 2026 erschliessen» zusammengefasst. Ihre zentrale Botschaft: Die KI-Nutzung in der Schweiz liegt über dem europäischen Durchschnitt – die eigentliche Herausforderung liegt jedoch in der Tiefe der Einführung.
Adoption wächst, fortgeschrittene Nutzung sinkt
57 Prozent der Schweizer Unternehmen setzen heute KI ein, gegenüber 46 Prozent im Vorjahr. Damit übertrifft die Schweiz den europäischen Durchschnitt von 54 Prozent. Doch ein genauerer Blick auf die Umsetzung zeigt: Die meisten Unternehmen befinden sich nach wie vor auf einer grundlegenden Stufe der KI-Einführung. 60 Prozent der KI-nutzenden Unternehmen setzen KI vor allem für einfache Anwendungsfälle ein – etwa öffentlich verfügbare Chatbots oder fertige Lösungen. 22 Prozent haben die mittlere Einführungsstufe erreicht und integrieren KI in mehrere Geschäftsbereiche. Nur 18 Prozent nutzen fortgeschrittene KI-Systeme, kombinieren mehrere Modelle oder setzen agentische KI ein – ein Rückgang gegenüber 20 Prozent im Vorjahr, bedingt durch den starken Zustrom neuer Anwender auf Einstiegsniveau.

Das KMU-Paradox: Seltener dabei, aber tiefer drin
KMU haben insgesamt seltener KI eingeführt als Grossunternehmen – 55 Prozent gegenüber 64 Prozent. Wenn sie jedoch einsteigen, tun sie es tendenziell mit grösserer Tiefe: 22 Prozent der KMU-Anwender erreichen die fortgeschrittene Nutzungsstufe, gegenüber 18 Prozent im Durchschnitt aller Unternehmen. Dieses Muster zeigt, dass KMU, sobald sie sich für KI entscheiden, bereit sind, die Technologie ernsthafter zu integrieren.
Geringe Vertrautheit mit KI der nächsten Generation
Agentische und physische KI haben das Potenzial, Unternehmen weit über reine Produktivitätsgewinne hinauszuführen. Das Bewusstsein dafür ist in der Schweiz jedoch noch begrenzt. Weniger als ein Viertel der Unternehmen (24 Prozent) geben an, von agentischer KI gehört zu haben. Von diesen haben lediglich 4 Prozent die Technologie vollständig implementiert, 12 Prozent experimentieren oder führen Pilotprojekte durch. Mit physischer KI sind nur 19 Prozent der Unternehmen vertraut – bei Start-ups sind es 38 Prozent. Dabei sind die Resultate bei frühen Anwendern bemerkenswert: 90 Prozent der Unternehmen, die bereits agentische KI einsetzen, berichten von Produktivitätssteigerungen, 95 Prozent verzeichnen höhere Einnahmen nach der Einführung.

Schweizer Start-ups unter Skalierungsdruck
Start-ups sind Vorreiter bei der KI-Einführung, stossen im Inland aber zunehmend an Skalierungsgrenzen. 32 Prozent der Schweizer Start-ups ziehen einen Wegzug aus Europa in Betracht, um zu skalieren – etwas weniger als der europäische Durchschnitt von 38 Prozent. Als häufigste Gründe nennen sie bessere Verfügbarkeit von Finanzmitteln (60 Prozent), geringere Betriebskosten (54 Prozent) sowie eine schnellere internationale Skalierung (51 Prozent). Als grösste inländische Hindernisse stehen eingeschränkter Zugang zu Finanzmitteln (54 Prozent), Schwierigkeiten bei der Talentgewinnung (42 Prozent) sowie uneinheitliche Regulierung zwischen Ländern (38 Prozent) im Vordergrund. Die Mehrheit der Start-ups – 56 Prozent – plant dennoch keinen Wegzug und verweist auf starke lokale Ökosysteme (60 Prozent), guten Zugang zu europäischen Märkten (55 Prozent) sowie verfügbare Wachstumsfinanzierung (45 Prozent).
Vier Handlungsfelder für die nächste Phase
Der Report benennt vier Prioritäten, um den Erfolg in der nächsten Phase der KI-Einführung voranzutreiben und sicherzustellen, dass die Vorteile der KI der gesamten Wirtschaft zugutekommen. Erstens sollen die Stärken der Schweiz besser genutzt werden: Die Schweiz führt gemäss dem Stanford AI Index 2026 weltweit bei der Dichte an KI-Fachkräften. Diese Stärke muss auch für KMU zugänglich gemacht werden, nicht nur für Grossunternehmen und Forschungseinrichtungen. Zweitens braucht es gezielte steuerliche Anreize, Kofinanzierungsprogramme und branchenspezifische Innovationszentren, um KI-gestützte Innovation in allen Unternehmensgrössen zu fördern. Drittens sind klare Finanzierungsmechanismen nötig: 42 Prozent der Unternehmen verfügen über kein eigenes KI-Budget. Dieses Defizit betrifft Start-ups, KMU und den öffentlichen Sektor gleichermassen. Viertens müssen Politik und Wirtschaft gemeinsam digitale Kompetenzen in der gesamten Erwerbsbevölkerung ausbauen – heute verfügen lediglich 24 Prozent der Unternehmen über starke KI-Kompetenzen.
Quelle: Amazon Web Services (AWS)
