KI in Schweizer KMU: Effizienzwerkzeug statt Jobkiller
Drei von vier Schweizer KMU nutzen künstliche Intelligenz im Arbeitsalltag – doch die grosse Disruption bleibt aus. Die neue AXA-Arbeitsmarktstudie, erstellt vom Forschungsinstitut Sotomo, zeigt: Zwei Drittel der befragten Unternehmen sehen keinen Handlungsbedarf für ihr Geschäftsmodell, nur jedes neunte KMU rechnet mit einem Stellenabbau aufgrund von KI.

Die künstliche Intelligenz ist in Schweizer Klein- und Mittelunternehmen längst kein Zukunftsthema mehr, sondern gelebter Alltag. Wie die aktuelle AXA-Arbeitsmarktstudie zeigt, die das Forschungsinstitut Sotomo im Auftrag der AXA Schweiz durchgeführt hat, nutzen 35 Prozent der KMU KI bewusst in ihren Unternehmensprozessen, weitere 39 Prozent erproben die Technologie. Lediglich 26 Prozent verzichten bislang darauf. Damit hat sich die Nutzung auf dem Niveau des Vorjahres eingependelt: Der grosse Sprung fand zwischen 2024 und 2025 statt, als der Anteil der KMU, die KI erprobten oder aktiv nutzten, von 55 auf 71 Prozent kletterte. Die Phase der Erstadoption gilt damit als weitgehend abgeschlossen.
KI-Nutzung wird vielfältiger und geht über Textaufgaben hinaus
Nach wie vor dominieren Sprach- und Kommunikationsaufgaben die Einsatzbereiche der KI. Knapp die Hälfte der KMU setzt die Technologie für Übersetzungen ein (47 %), gefolgt von Korrespondenz (42 %) und Werbetexten (35 %). Die stärksten Zuwächse seit 2024 zeigen sich jedoch bei anspruchsvolleren Anwendungen: Der Anteil der KMU, die KI zur Optimierung von Arbeitsschritten nutzen, stieg von 23 auf 35 Prozent. Auch Datenanalysen (2024: 22 %, 2025: 34 %) und Bildgenerierung (2024: 21 %, 2025: 28 %) legten zu. Die KI-Nutzung wird damit vielfältiger und geht zunehmend über reine Textaufgaben hinaus.
Auffällig ist die Stagnation bei kundenbezogenen Anwendungen. Sowohl die personalisierte Werbung (16 %) als auch die Kundenbetreuung und der Support (17 %) sind nicht über das Niveau von 2024 hinausgewachsen. Möglicherweise kann der Einsatz von KI in der Kommunikation nach aussen für Unternehmen zu einem Reputationsrisiko werden, da Kundinnen und Kunden KI-generierte Inhalte zunehmend als solche erkennen könnten. «Der Grundsatz ‹Human in the loop› – also der Mensch als letzte Kontrollinstanz – zeigt hier seine Wirkung. Gerade im direkten Kundenkontakt ist das Vertrauen der KMU in die Technologie offenbar noch nicht ausreichend gewachsen – die Sorge vor Halluzinationen und unkontrolliertem KI-Verhalten scheint nach wie vor gross», ordnet Kathrin Braunwarth, Leiterin DTI der AXA Schweiz, die Ergebnisse ein.
KMU erwarten keinen Stellenabbau aufgrund KI
Obwohl die Einsatzbereiche der KI vielfältiger werden, erwarten die befragten Unternehmen keine grossen Umwälzungen bei der Anzahl ihrer Mitarbeitenden. Knapp die Hälfte der KMU mit KI-Erfahrung rechnet mit Zeiteinsparungen ohne Auswirkungen auf die Stellenzahl (47 %). Nur zwölf Prozent gehen davon aus, künftig auf Personal verzichten zu können – ein Wert, der über die drei Erhebungsjahre hinweg bemerkenswert stabil geblieben ist. Selbst mit wachsender Erfahrung im Umgang mit der Technologie gehen Unternehmen nicht davon aus, dass KI ihre Mitarbeitenden ersetzen wird.
«Zeitersparnisse durch KI führen also nach Einschätzung der KMU nicht zu einem Abbau von Arbeitsplätzen, sondern scheinen zu einer effizienteren Nutzung bestehender Kapazitäten zu verhelfen. Die entscheidende Frage ist, wie Unternehmen die vielen kleinen Effizienzgewinne jedes Einzelnen bündeln und in echten Mehrwert verwandeln. Das wird eine der anspruchsvollsten Führungsaufgaben der nächsten Jahre sein», sagt Kathrin Braunwarth.

Unternehmen bleiben zurückhaltend
Schweizer KMU blicken überwiegend positiv auf die Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz. 41 Prozent sehen die Fortschritte als Chance für ihre Geschäftstätigkeit, während nur 15 Prozent die Technologie als Bedrohung wahrnehmen. Die Mehrheit positioniert sich neutral (44 %). Im Vergleich zu den Vorjahren hat sich die Einschätzung stabilisiert, nachdem sie von 2024 auf 2025 noch deutlich zugelegt hatte. KMU zeigen sich also weiterhin abwartend: Obschon die Chancen gegenüber den Risiken klar überwiegen, bleibt die Haltung vieler Betriebe eher von Zurückhaltung als von Euphorie geprägt.
Interessant ist, dass es diesbezüglich kaum Unterschiede zwischen dem Dienstleistungssektor und dem produzierenden Gewerbe gibt. Je etwa vier von zehn Unternehmen in beiden Sektoren sehen die Entwicklungen in der KI eher als Chance für ihr Geschäft. Im Dienstleistungssektor ist die Bedrohungswahrnehmung mit 17 Prozent leicht ausgeprägter als im produzierenden Gewerbe mit 10 Prozent. Angesichts der unterschiedlichen Berührungspunkte mit KI in den beiden Sektoren fällt diese Differenz aber überraschend gering aus.
Deutlicher fallen die Unterschiede aus, wenn nach Grösse der KMU unterschieden wird. Mittlere (49 %) und grosse KMU (41 %) sehen KI tendenziell häufiger als Chance als kleine Unternehmen (33 %). «Dies könnte damit zusammenhängen, dass grössere Betriebe oft mehr Kapazitäten für eine Integration neuer Technologien besitzen als Kleinstunternehmen. Wer KI bereits einsetzt und konkrete Vorteile erfährt, beurteilt die Technologie möglicherweise auch positiver», sagt Kathrin Braunwarth.

Keine fundamentale Veränderung durch KI erwartet
Eine nüchterne Haltung zeigt sich auch bei der Frage, ob KI die Arbeit im Unternehmen fundamental verändern wird. Nur knapp ein Drittel der KMU glaubt dies, zwei Drittel sehen in der neuen Technologie keine fundamentale Veränderung für die Arbeitswelt. Im Dienstleistungssektor erwarten mit 32 Prozent mehr Unternehmen eine fundamentale Veränderung als im produzierenden Gewerbe (24 %), was angesichts der Aufgaben, die KI übernehmen kann, nachvollziehbar ist. Bei grossen KMU liegt der Anteil jener, die einen tiefgreifenden Wandel erwarten, mit 37 Prozent etwas höher. KI wird damit als nützliches Werkzeug wahrgenommen, das bestehende Prozesse optimiert, nicht als disruptive Kraft, die den Arbeitsalltag von Grund auf umgestaltet.
Entsprechend gelassen fällt auch die strategische Einordnung aus. Die Frage, ob KMU aufgrund der KI-Entwicklungen ihr Geschäftsmodell anpassen müssen, bejahen 31 Prozent. Eine deutliche Mehrheit von knapp zwei Dritteln sieht hingegen keinen oder eher keinen Handlungsbedarf. Auch hier sehen Dienstleistungsunternehmen mit 32 Prozent etwas häufiger Bedarf zu handeln als das produzierende Gewerbe mit 27 Prozent. Grosse KMU sehen sich dabei häufiger zum Handeln veranlasst als kleine: 42 Prozent der grossen KMU sehen einen Handlungsbedarf, gegenüber 23 Prozent der kleinen KMU. «Auch hier zeigt sich, dass die Auseinandersetzung mit KI in grösseren Betrieben weiter fortgeschritten ist und KMU in der Dienstleistungsbranche mehr beschäftigt», sagt Kathrin Braunwarth von der AXA. «Für die Mehrheit der Schweizer KMU gilt jedoch offenbar nach wie vor: KI optimiert bestehende Abläufe, stellt das Geschäftsmodell aber nicht grundsätzlich in Frage.»
Für die Studie wurden vom 11. bis 18. März 2026 insgesamt 336 KMU aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz befragt.
Quelle: https://www.axa.ch
