Verliert Europa den Anschluss? Eine Warnung aus der Praxis
Die Wirtschaftsberaterin Jane Enny van Lambalgen warnt vor dem wachsenden Rückstand Europas gegenüber den USA. Als Hauptursachen nennt sie die hohe Staatsquote und die ausufernde Regulierungsdichte. Sie fordert einen europäischen Regulierungsreset und eine Renaissance des Unternehmertums.

«Die wirtschaftliche und technologische Schere zwischen Europa und den USA geht immer weiter auseinander», warnt Jane Enny van Lambalgen, CEO der Beratungs- und Managementfirma Planet Industrial Excellence. Die schwindende Wirtschaftskraft des Kontinents werde massive Auswirkungen auf den Wohlstand der europäischen Bevölkerung haben. «Wir sind gerade dabei, die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder zu verspielen.»
Nur vier europäische Technologieriesen unter den Top 50 weltweit
Van Lambalgen verweist auf den Draghi-Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit: Lediglich vier der weltweit 50 grössten Technologieunternehmen stammen aus Europa. Als Positivbeispiele nennt sie ASML – ohne dessen EUV-Technologie keine moderne Halbleiterfabrik auskomme –, SAP, dessen Software 99 der 100 grössten Unternehmen weltweit nutzen, Spotify mit über 777 Millionen aktiven Nutzern monatlich sowie Schneider Electric als globalen Marktführer im Bereich Energy Management mit einer Durchdringung von 40 Prozent bei den Fortune-500-Unternehmen.
Doch diese Beispiele bleiben Ausnahmen. «In den letzten zehn Jahren ist in Europa kein einziges Unternehmen entstanden, das zu einem marktbestimmenden Global Player aufgestiegen ist, während es in den USA in dieser Zeitspanne acht Firmen von null auf über eine Billion Dollar Marktkapitalisierung geschafft haben. Europa hat kein einziges Unternehmen mit einer derart hohen Marktbewertung», stellt van Lambalgen fest.

Hohe Staatsquote und Regulierungsdichte als Wachstumsbremse
Als wesentlichen Grund für Europas Rückstand sieht die Expertin die hohe Staatsquote und die ausufernde Bürokratie. Die staatlichen Ausgaben der EU betragen rund 49 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in den USA sind es lediglich 39 Prozent. Hinzu komme eine dichte Regulierungslandschaft – von der Nachhaltigkeitsberichterstattung über die EU-Taxonomie und die Lieferkettensorgfalt bis hin zur Regulierung für den Einsatz Künstlicher Intelligenz. «Europa muss dringend umschwenken auf mehr Marktwirtschaft statt staatlicher Lenkung auf Kosten der Steuerzahler», fordert van Lambalgen.
Die OECD bescheinigt den USA geringe administrative Anforderungen an Start-ups, starke Forschungskapazitäten und Rahmenbedingungen, die Unternehmensgründungen und die Verlagerung von Kapital und Arbeitskräften in Produktivbereiche erleichtern. In Europa dagegen erschwerten ein unvollendeter Binnenmarkt, ausufernde Bürokratie, nationale Sonderregeln und langwierige Genehmigungsverfahren den Aufbau globaler Technologieunternehmen. Van Lambalgen bringt es auf den Punkt: «Europa erfindet viel, skaliert aber zu wenig. Die USA machen aus Technologie schneller ein Geschäft; Europa macht daraus zu häufig zuerst eine Vorschrift.»
Regulierungsreset als Ausweg
Als Abhilfe fordert die Managementberaterin einen europäischen Regulierungsreset: Neue Vorschriften sollen vor ihrer Einführung einem verbindlichen Wettbewerbs-, Innovations- und Mittelstandstest unterzogen werden. Für jede zusätzliche Berichtspflicht müssten mindestens zwei gleichwertige Pflichten entfallen. Regelungen sollten Ablaufdaten erhalten und nur verlängert werden, wenn ihr Nutzen nachweislich grösser ist als der wirtschaftliche Aufwand. Genehmigungsverfahren für Industrieanlagen, Energieinfrastruktur, Rechenzentren und Forschungsprojekte müssten vollständig digitalisiert, gebündelt und mit verbindlichen Entscheidungsfristen versehen werden.
«Bürokratieabbau darf kein politisches Ritual bleiben, bei dem auf eine gestrichene Vorschrift drei neue folgen», mahnt van Lambalgen. «Unternehmen müssen ihre Fachkräfte wieder für Kunden, Produkte und Technologien einsetzen können. Wohlstand entsteht nicht in Behörden, sondern dort, wo Menschen Risiken eingehen, Unternehmen aufbauen, Innovationen finanzieren und Kunden überzeugen.»
Unternehmertum als kulturelle Aufgabe
Der wirtschaftspolitische Neustart ist für van Lambalgen auch eine kulturelle Frage. Unternehmer:innen dürften nicht vor allem als Adressaten neuer Auflagen verstanden werden, sondern als Träger von Innovation und gesellschaftlichem Fortschritt. Dazu gehörten mehr wirtschaftliche Bildung, ein positives Bild verantwortungsvollen Unternehmertums und attraktivere Bedingungen für Gründer:innen. «In den USA übernehmen Menschen Verantwortung für ihr eigenes Leben, da der Staat Eigenverantwortung fördert und einfordert. Die hohe Staatsquote in Europa hat hingegen zu einer Vollkaskomentalität geführt, die den Staat für alles und jedes in die Verantwortung nimmt.»
Ihr Fazit fällt klar aus: «Europa muss sich entscheiden, ob es den technologischen Wandel gestalten oder nur regulieren will. Wenn es gelingt, Bürokratie abzubauen, Staatsausgaben auf Zukunftsinvestitionen auszurichten, Kapital zu mobilisieren und den Binnenmarkt zu vollenden, kann Europa wieder aufholen. Ohne eine Renaissance des Unternehmertums wird die Schere zu den USA jedoch weiter auseinandergehen – mit verheerenden Folgen für Wachstum, soziale Sicherheit und politische Handlungsfähigkeit.»
Jane Enny van Lambalgen ist Founding Partner und Geschäftsführerin von Planet Industrial Excellence. Sie ist zudem Mitglied bei United Interim sowie im Diplomatic Council, einer globalen Denkfabrik mit Beraterstatus bei den Vereinten Nationen. Sie wurde sowohl 2025 als auch 2026 als «Top Interim Manager des Jahres» ausgezeichnet.
