Planet IE: Strategie am Kunden ausrichten statt am Wandel
Jane Enny van Lambalgen, CEO der Beratungsfirma Planet Industrial Excellence, rät Unternehmen, ihre Strategie auf das auszurichten, was Kunden dauerhaft wichtig bleibt. Im Krisenmodus drohe sonst der langfristige Blick verloren zu gehen. KI und andere Werkzeuge kämen erst danach.

Künstliche Intelligenz, Zollkonflikte, geopolitische Krisen und brüchige Lieferketten setzen den Mittelstand unter Dauerdruck, sich ständig neu auszurichten. Jane Enny van Lambalgen, CEO von Planet Industrial Excellence, warnt davor, im Krisenmodus die langfristige Strategie aus den Augen zu verlieren. «Wer nur auf die nächste Schlagzeile reagiert, wird getrieben statt zu führen», sagt die Interim Managerin.
Die falsche Frage im Strategie-Workshop
In vielen Strategierunden dreht sich laut van Lambalgen alles um den Wandel: Welche Technik kommt als Nächstes, welcher Markt bricht weg, welcher Zoll trifft uns? «Diese Fragen sind berechtigt, aber sie reichen nicht», sagt sie. «Viel ergiebiger ist die Gegenfrage: Was wird für unsere Kunden in zehn Jahren genauso wichtig sein wie heute? Darauf lässt sich eine Strategie bauen, denn diese Dinge sind stabil.»
Die Antwort fällt nach ihrer Erfahrung aus zahlreichen Einsätzen in Produktion, Supply Chain und Logistik erstaunlich einheitlich aus: Liefertreue, Termintreue, Verlässlichkeit, Qualität, guter Service, ein fairer Preis – und im Maschinen- und Anlagenbau schlicht eine Anlage, die läuft. «Kein Einkäufer wird je sagen: Liefert bitte etwas später, die Qualität darf ruhig schwanken, und der Service muss nicht erreichbar sein», sagt die Expertin. «Was Kunden heute schätzen, schätzen sie auch in zehn Jahren. Das ist die eigentliche Konstante in einer unruhigen Welt.»
Erst die Kundenwerte, dann die Werkzeuge
Daraus leitet van Lambalgen eine klare Reihenfolge ab: zuerst die dauerhaften Kundenwünsche identifizieren, dann die Strategie darauf ausrichten und erst danach über Werkzeuge entscheiden. «KI ist ein mächtiges Hilfsmittel, aber kein Selbstzweck», betont sie. «Die richtige Frage lautet nicht, wo wir überall KI einsetzen können, sondern wo KI uns hilft, pünktlicher zu liefern, Ausfälle vorherzusagen, Qualität zu sichern, Kundenanfragen schneller zu beantworten und natürlich auch Kosten zu senken, um das Preis-Leistungs-Verhältnis kontinuierlich zu verbessern.» Wer so vorgehe, investiere gezielt statt modisch und erkenne Projekte, die zwar beeindruckend wirken, dem Kunden aber nichts bringen.
Gleiches gelte für Digitalisierung, Automatisierung und neue Märkte. «Jede Investition sollte einen einfachen Test bestehen: Macht sie uns für den Kunden verlässlicher, besser oder preiswerter? Wenn nicht, gehört sie nicht an die Spitze der Prioritätenliste», sagt die Managerin auf Zeit.
Resiliente Lieferketten als Kundenversprechen
Besonders deutlich wird der Gedanke für die Lieferketten-Expertin bei der Beschaffung. Zölle, Handelskonflikte und gesperrte Seewege seien keine Ausnahmen mehr, sondern wiederkehrende Belastungsproben. «Liefertreue ist das, was der Kunde kauft – Resilienz ist das, was sie ermöglicht», sagt van Lambalgen. Dual Sourcing, Local Sourcing und der Abbau einseitiger Abhängigkeiten seien deshalb keine Kostenposition, sondern Teil des Leistungsversprechens. «Wer seine Lieferkette allein auf den niedrigsten Einkaufspreis trimmt, spart beim Einkauf und verliert beim Kunden.»
Auch bei der Internationalisierung empfiehlt sie den Blick vom Kunden aus: Fertigung und Service nah an den regionalen Märkten aufzubauen, verkürze Lieferzeiten, senke Zollrisiken und verbessere die Erreichbarkeit vor Ort. «Ein Kunde in Asien oder Amerika will dasselbe wie ein Kunde in Deutschland: eine pünktliche Lieferung und einen Ansprechpartner, der sich kümmert. Daran sollte sich die Standortstrategie ausrichten, nicht nur an kurzfristigen Kostenvorteilen.»
Langfristig denken, kurzfristig handeln
Langfristige Strategie heisst für van Lambalgen nicht Starrheit. «Das Ziel bleibt stabil, der Weg dorthin darf sich ändern», erklärt sie. Unternehmen sollten ihre Kundenwerte als festen Kompass verstehen und Massnahmen regelmässig daran messen: Wie hat sich die Termintreue entwickelt, wie die Reklamationsquote, wie die Verfügbarkeit der ausgelieferten Anlagen? «Wer diese Kennzahlen konsequent verfolgt, merkt früh, wenn etwas aus dem Ruder läuft – lange bevor der Kunde abwandert.»
Ihr Fazit für Geschäftsführung und Beiräte im Mittelstand: «Die Welt wird sich in den nächsten zehn Jahren schneller drehen als in den vergangenen zehn. Gerade deshalb braucht jedes Unternehmen einen Fixpunkt. Der beste Fixpunkt ist der Kunde und das, was er dauerhaft von uns erwartet. Wer entlang dieser Leitplanke seine Strategie entwickelt, kann mit jedem Wandel besser umgehen als jeder, der nur dem Wandel hinterherläuft.»
Jane Enny van Lambalgen ist Founding Partner und Geschäftsführerin von Planet Industrial Excellence sowie Mitglied bei United Interim und im Diplomatic Council. Sie ist als Interim Managerin für Strategie, Operational Excellence, Turnaround, Supply Chain Management und Digital Transformation tätig und übernimmt Positionen als CEO, Managing Director, COO, Delegierte des Verwaltungsrats, Aufsichtsrätin und Beirätin in der mittelständischen Wirtschaft. Schwerpunkte sind internationale Operations-Einsätze mit Fokus auf Produktion, Supply Chain und Logistik. 2025 und 2026 wurde sie als «Top Interim Manager des Jahres» ausgezeichnet.
Weitere Informationen: planetie.ch
