Softwarequalität kostet Unternehmen Millionen – KI verschärft das Problem
Ein neuer Bericht von Tricentis zeigt: Mangelhafte Softwarequalität kostet jedes fünfte Unternehmen weltweit über eine Million US-Dollar pro Jahr – in Deutschland sogar fast jedes dritte. Der zunehmende Einsatz von KI in der Softwareentwicklung erhöht zwar die Geschwindigkeit, untergräbt aber das Vertrauen in die Codequalität. Zwischen Führungsebene und operativen Teams klafft dabei eine gefährliche Wahrnehmungslücke.

Der aktuelle Quality Transformation Report 2026 von Tricentis, einem führenden Anbieter im Bereich Agentic Quality Engineering, zeichnet ein ernüchterndes Bild: Obwohl Unternehmen ihre Entwicklungsgeschwindigkeit durch den verstärkten Einsatz von Künstlicher Intelligenz deutlich gesteigert haben, kämpfen viele damit, das Vertrauen in die Qualität ihrer Software aufrechtzuerhalten. Die globale Studie basiert auf der Befragung von mehr als 2’500 Führungskräften und Fachexperten aus Deutschland, Irland, Japan, Singapur, dem Vereinigten Königreich und den USA.
Ungetesteter Code wird bewusst in Produktion gebracht
Ein zentrales Ergebnis der Studie: Trotz erheblicher Fortschritte beim Einsatz von KI-Tools geben 6 von 10 Unternehmen weltweit an, ungetesteten Code produktiv zu schalten. In Deutschland liegt der Wert noch höher – bei fast 7 von 10 Unternehmen. Gegenüber dem Vorjahr hat sich dabei eine bezeichnende Verschiebung vollzogen: Während 2025 die meisten Unternehmen dies noch auf unbeabsichtigte Qualitätsmängel zurückführten, räumen sie heute offen ein, Code wissentlich ungetestet einzusetzen. Als Hauptgründe nennen die Befragten den Druck der Managementebene, Geschwindigkeit über Qualität zu stellen (global 32 Prozent, Deutschland 35 Prozent), sowie das schiere Volumen an KI-generiertem Code, das Teams schlicht nicht mehr vollständig testen können (global 30 Prozent, Deutschland 32 Prozent).
Dieses Muster zieht sich durch alle Branchen: In jeder der befragten Sektoren gaben mehr als die Hälfte der Unternehmen an, ungetesteten Code in Produktion zu bringen. Besonders ausgeprägt ist der Handlungsdruck bei Finanzdienstleistern (64 Prozent), im Handel (63 Prozent) sowie in der Energie- und Versorgungswirtschaft (58 Prozent).
KI-Einführung überholt die Qualitätssicherung
Fast die Hälfte der befragten Unternehmen (global 48 Prozent, Deutschland 49 Prozent) hat KI intern vollständig implementiert. Doch von diesen berichten mehr als 50 Prozent, dass sich ihre KI-Tools und -Prozesse laufend verändern. Als zentrale Hindernisse für eine skalierbare und kontinuierliche Softwarequalität nennen Teams Tool-Komplexität und -Sprawl (33 Prozent), Qualifikationslücken (33 Prozent), ein Code-Volumen, das schneller wächst als bewältigt werden kann (28 Prozent), sowie fehlende einheitliche Qualitäts- und Vertrauensmetriken (26 Prozent).
Führungsetage und operative Teams sehen die Lage unterschiedlich
Besonders auffällig ist die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung auf Führungsebene und der operativen Realität in den Teams: Mehr als drei Viertel der C-Level-Executives (81 Prozent) geben an, grosses Vertrauen in KI-gestützte Systeme und Tools zu haben – verglichen mit lediglich 56 Prozent der QA- und DevOps-Fachleute. Ähnlich gross ist die Diskrepanz bei der Frage nach der organisatorischen Reife: 44 Prozent der Führungskräfte halten ihr Unternehmen für gut aufgestellt, um KI-Agenten im Software Development Lifecycle produktiv einzusetzen und zu skalieren. Unter QA- und DevOps-Profis teilt nur jeder Vierte (24 Prozent) diese Einschätzung.
Zwar vertrauen 83 Prozent der Unternehmen weltweit (Deutschland 78 Prozent) KI-Agenten bei Release-Entscheidungen, und 82 Prozent (Deutschland 76 Prozent) geben an, bereit zu sein, KI-Agenten in grossem Massstab einzuführen. Gleichzeitig kämpfen viele nach wie vor mit ungetesteten Code-Anteilen, Tool-Sprawl, Sicherheitsbedenken, Qualifikationslücken und Datenproblemen.
Finanzielle Risiken nehmen deutlich zu
Die wirtschaftlichen Folgen mangelhafter Softwarequalität sind erheblich: Jedes fünfte Unternehmen weltweit (20 Prozent) verliert jährlich mehr als eine Million US-Dollar durch schlechte Softwarequalität – in Deutschland ist es sogar fast jedes dritte (30 Prozent). Als primäre Kostentreiber gelten Sicherheits- und Compliance-Verstösse (30 Prozent) sowie technische Schulden und Nacharbeiten (28 Prozent). In Deutschland werden insbesondere höhere technische Schulden und Wartungsaufwände (30 Prozent) sowie eine erhöhte Kundenfluktuation (26 Prozent) genannt. Nahezu die Hälfte der Befragten (45 Prozent, in Deutschland 53 Prozent) schätzt die jährlichen Verluste auf 500’000 bis eine Million US-Dollar.
Kevin Thompson, CEO von Tricentis, bringt die Lage auf den Punkt: «Die Beschleunigung von Initiativen zur Business-Transformation gehört zu den obersten Prioritäten auf C-Level-Ebene. KI hat das Potenzial, Softwareentwicklungsteams schneller voranzubringen als je zuvor. Mit höherer Geschwindigkeit steigt jedoch auch das Risiko. Wenn Qualitätsprozesse nicht mit dem Entwicklungstempo Schritt halten, nehmen Unternehmen oft Abkürzungen, die das Vertrauen in die Softwarequalität messbar untergraben.»
Thompson ergänzt: «Viele Unternehmen setzen noch immer auf Qualitätsprozesse, die nicht für die Softwareentwicklung im KI-Zeitalter konzipiert wurden. Angesichts immer schnellerer Entwicklungszyklen brauchen Führungskräfte mehr Transparenz über Softwarequalitätsrisiken und eine engere Abstimmung zwischen Engineering, QA und dem breiteren Geschäftsumfeld. Erfolgreich werden die Organisationen sein, die Geschwindigkeit und Kontrolle gemeinsam skalieren können.»
Der Quality Transformation Report 2026 markiert damit eine deutliche Verschiebung gegenüber dem Vorjahr: Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Unternehmen KI einsetzen können – sondern ob es ihnen gelingt, Vertrauen, Kontrolle und Quality Assurance in ihren Releases auch im grossen Massstab aufrechtzuerhalten.
Quelle: www.tricentis.com
