KI für die Schweiz – und den Rest der Welt
Am 23. Juni 2026 fand in Bern das SQS-Unternehmensforum statt. In Keynotes, Diskussionsrunden und Workshops wurden die Wichtigkeit der künstlichen Intelligenz für die Zukunftsfähigkeit der Schweiz und ihrer Unternehmen erörtert und die Notwendigkeit von Normen und Standards beleuchtet.
Die künstliche Intelligenz erobert fast schon lawinenartig unseren Alltag, sei es geschäftlich, aber sei es auch im privaten Umfeld. Es gibt kaum mehr einen Bereich, der sich nicht gezwungenermassen damit befassen muss. «KI ist der Strom des 21. Jahrhunderts», sagte Andrea Grisard, Präsidentin der Veranstalterin SQS, in ihrer Begrüssungsansprache im Hotel Schweizerhof in Bern. Selbstredend macht die KI auch vor der SQS als führende Konformitätsbewertungsstelle nicht Halt: Sie bewertet seit Jahrzehnten Managementsysteme, Produkte, Prozesse und Dienstleistungen – neuerdings auch unter Einbezug der KI. Nicht zuletzt besteht mit ISO/IEC 42001 auch ein neuer Standard für KI-Governance. Andrea Grisard betonte denn auch die Wichtigkeit von Zertifizierungen, um Marktzugänge zu sichern.
Apertus – ein Schweizer LLM
Prof. Dr. Thomas Schulthess vom Swiss National Supercomputing Centre gab in seiner Keynote interessante Einblicke in die Entwicklung von KI «Made in Switzerland». Mit dem Grossrechner ALPS und dem Sprachmodell Apertus kann in der Schweiz KI nicht nur angewandt, sondern auch selbst entwickelt werden. Im Unterschied zu anderen Large Language Models (LLM) wie GPT, Claude, Mistral usw. ist Apertus vollständig als Open Source verfügbar. Auch die Quellcodes von Trainingsprozessen und Trainingsdaten selbst sind offengelegt. Mit dieser grösstmöglichen Transparenz erfüllt Apertus alle Compliance-Anforderungen der EU. Firmen können Apertus nutzen, um eigene Sprachmodelle zu entwickeln und damit einen Beitrag leisten, um das Modell weiter zu spezialisieren. Gerade die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft stellte Schulthess als zentral dar. Ein wichtiges Ziel müsse es sein, auch KMU zu befähigen, KI in ihre Geschäftsfelder und Systeme zu integrieren. Deshalb seien starke Kooperationen nötig, nicht zuletzt auch darum, um die hohen Kosten auf mehrere Schultern zu verteilen.
KI regulieren: Ja, aber wie?
In der anschliessenden Podiumsdiskussion kam dann auch die Politik ins Spiel, vor allem im Zusammenhang mit der Frage: Wie lässt sich KI regulieren? Mit Benjamin Fischer (SVP) und Gerhard Andrey (Grüne) stellten sich neben Thomas Schulthess und Martin Saladin, Leiter Direktion für Standortförderung beim SECO, auch zwei Nationalräte den Fragen von Moderator Alex Gertschen. Benjamin Fischer warnte vor einer «KI-Bubble», in der die grossen Hyperscaler quasi die Alleinherrschaft anstreben würden, nach dem Motto «The Winner takes it all». Dennoch sieht er zu starke Regulierung kritisch, denn diese könne auch Innovation verhindern. Gerhard Andrey wiederum vertrat die Ansicht, dass Innovation nicht nur technologisch stattfinden müsse, sondern auch bei der Governance. Man dürfe nicht «alles rauslassen, was technologisch möglich» sei und bezeichnete so geartete «Elon-Musk-Fantasien» als «toxisch». Prof. Dr. Thomas Schulthess vermisst vielerorts das Verständnis dafür, was bei der KI «wirklich abgeht». Er betonte, dass Wertvorstellungen erhalten bleiben müssen, aber nicht durch Abwehrverhalten. Darüber hinaus plädierte er für eine aktivere Rolle der Wirtschaft. Martin Saladin wiederum sagte, dass nicht alles über Gesetze laufen müsse, sondern nach Wille und Interesse der verschiedenen Stakeholder. Wäre also Selbstregulierung ein Ziel? Im Prinzip ja, «aber auch dafür braucht es Daten», so Thomas Schulthess. Denn um Sprachmodelle in Ethik zu trainieren, müsse man auch mit «unethischen» Daten arbeiten dürfen. Und wie steht es mit dem Energiebedarf von Rechenzentren? Während etwa in den USA gigantische neue Rechenzentren – zum Teil mit eigenen Kraftwerken – hochgezogen werden, «nur damit Kids KI-generierte Katzenvideos und anderen Datenmüll» generieren könnten, wie es Gerhard Andrey ausdrückte, müssten in der Schweiz die Prioritäten anders gelegt werden. Andrey fordert deshalb bei Rechenzentren, die hier erstellt werden, in erster Linie mehr Zweckgebundenheit für die Industrie.
Der «Human Loop» bleibt zentral
In den anschliessenden Workshops ging es dann um praxisbezogene Aspekte der KI. So informierte etwa die Schweizerische Normenvereinigung SNV über regulatorische Entwicklungen im Zusammenhang mit der KI-Infrastruktur in der Schweiz. Ein zweiter Workshop befasste sich mit Herausforderungen und Lösungsansätzen für Organisationen mit kritischem Risikoprofil. Zwei Workshops widmeten sich konkreten Umsetzungsmöglichkeiten in Unternehmen. So zeigte etwa Endress+Hauser, vertreten durch Jürgen Wirth und Thorsten Springmann, wie dort KI-Agenten selbst entwickelt, getestet und eingeführt werden. Auf der einen Seite können damit komplexe Aufgaben schneller lösbar gemacht und Prozesse automatisiert werden. Auf der anderen Seite werden damit aber nicht Jobs eingespart, sondern aufgewertet, und zwar in Richtung von Verantwortlichkeit – Entscheide werden immer noch durch Fachkräfte gefällt – und Governance.
Zusammenspiel von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik
Die kleine, aber feine Fachveranstaltung zeigte auf, dass künstliche Intelligenz nicht allein den grossen Playern überlassen werden soll und darf. Mit ALPS und dem Sprachmodell Apertus kann die Schweiz einen zwar quantitativ kleinen Beitrag an weitere Entwicklungen leisten, qualitativ und in Sachen Transparenz aber eine Vorreiterrolle spielen. Und dass sich unser Land bei Regulierungen manchmal viel Zeit lässt, muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Denn der AI Act der EU könnte sich für Europa als Bumerang erweisen, weil die Gefahr besteht, sich bei der technologischen Entwicklung selbst auszubremsen. Und das wiederum wäre für kleine Volkswirtschaften wie die Schweiz fatal. Umso mehr erforderlich ist ein zielgerichtetes Zusammenspiel von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik – das ist sicher ein zentrales Fazit, das man aus dem SQS-Unternehmensforum 2026 ziehen kann.
Informationen zu SQS: www.sqs.ch
Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf m-q.ch - https://www.m-q.ch/de/ki-fuer-die-schweiz-und-den-rest-der-welt/
