Quantensicher werden – und zwar jetzt
Quantencomputer sind noch nicht ausgereift, aber die kryptografischen Risiken sind bereits real. Florian Bosch, Senior Regional Sales Director DACH bei Keyfactor, erklärt, warum Unternehmen schon heute mit Krypto-Agilität handeln müssen – bevor es zu spät ist.
Quantensicher werden – und zwar jetzt

Quantencomputing steht an einem widersprüchlichen Punkt seiner Entwicklung: Die Technologie ist noch lange nicht reif genug, um in der Breite produktiv eingesetzt zu werden, aber bereits relevant genug, um strategische Entscheidungen zu erzwingen. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung für Unternehmen, wie Florian Bosch, Senior Regional Sales Director DACH bei Keyfactor, darlegt.
Wer nur auf die aktuellen Grenzen schaut, könnte versucht sein, das Thema zu vertagen. Wer nur auf die künftigen Möglichkeiten blickt, unterschätzt dagegen die technischen Hürden. Beides greift zu kurz.
Politische und wirtschaftliche Dynamik als Signal
Dass Quantencomputing längst mehr ist als ein theoretisches Forschungsthema, zeigt die politische und wirtschaftliche Dynamik. In den USA wurde 2018 der National Quantum Initiative Act verabschiedet, später folgte weitere Förderung über den CHIPS and Science Act. Auch die Europäische Union positioniert Quantentechnologien mit Programmen wie Quantum Flagship als Priorität. Regierungen und Unternehmen investieren also bereits heute in Fähigkeiten, deren voller wirtschaftlicher Nutzen noch nicht erreicht ist.
Für Sicherheits- und IT-Verantwortliche bedeutet das: Es geht nicht darum, ob Quantencomputing irgendwann relevant wird, sondern wie früh Organisationen beginnen, ihre Abhängigkeiten und Risiken zu verstehen.
Quantenvorteil – aber nicht für alles
Der zentrale Vorteil von Quantencomputing liegt nicht darin, klassische Computer grundsätzlich schneller zu machen. Für viele alltägliche Aufgaben sind klassische Systeme weiterhin überlegen. Entscheidend ist, dass Quantencomputer bestimmte Problemklassen anders bearbeiten können. Durch Superposition und Interferenz lassen sich bei bestimmten Berechnungen falsche Ergebnisse unterdrücken und richtige verstärken. Dadurch könnten Aufgaben möglich werden, die für klassische Systeme praktisch nicht lösbar sind – etwa die Simulation quantenphysikalischer Systeme, komplexe molekulare Wechselwirkungen, Optimierungsprobleme sowie perspektivisch Anwendungen in KI und Machine Learning.
Gleichzeitig darf dieser Ausblick nicht mit heutiger Einsatzreife verwechselt werden. Qubits reagieren empfindlich auf Vibrationen, Temperaturschwankungen und elektromagnetische Störungen. Viele Ansätze benötigen Umgebungen nahe dem absoluten Nullpunkt, aufwendige Kühlung, Isolierung oder Vakuumkammern. Dazu kommt der hohe Aufwand für Fehlerkorrektur: Viele physische Qubits werden benötigt, um einen logischen Qubit abzusichern. Das reduziert die tatsächlich verfügbare Rechenleistung erheblich.
Laut einer McKinsey-Umfrage erwarten 72 Prozent der Expertinnen und Experten einen vollständig fehlertoleranten Quantencomputer bis 2035, während 28 Prozent diesen Meilenstein erst 2040 oder später sehen. Die Technologie bleibt ein Versprechen mit offenem Zeitplan.
Die Bedrohung beginnt früher als erwartet
Für die Cybersicherheit ist dieses offene Zeitfenster kein Grund zur Entwarnung. Die grösste Gefahr entsteht nicht erst an dem Tag, an dem ein leistungsfähiger Quantencomputer bestehende Verschlüsselung in Echtzeit bricht. Das Risiko beginnt früher. Mit Shor’s Algorithmus könnte ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer RSA, Diffie-Hellman und elliptische Kurvenkryptografie brechen – und damit die Grundlagen digitaler Zertifikate, TLS-Verbindungen und verschlüsselter Kommunikation gefährden.
Gleichzeitig macht die Strategie «Harvest now, decrypt later» sensible Daten schon heute angreifbar: Verschlüsselte Informationen können bereits jetzt gesammelt werden, um sie später mit geeigneter Quantentechnologie zu entschlüsseln.
Krypto-Agilität als entscheidender Faktor
Daraus folgt eine klare Konsequenz: Organisationen sollten Quantencomputing nicht als Zukunftsthema behandeln, das erst relevant wird, sobald die Hardware ausgereift ist. Vorbereitung beginnt bei der heutigen kryptografischen Lage. Unternehmen müssen wissen, welche Zertifikate, Schlüssel und Algorithmen in ihrer Infrastruktur eingesetzt werden, welche Daten langfristig schützenswert sind und wo Abhängigkeiten von Verfahren bestehen, die durch Quantencomputer gefährdet werden könnten. Ohne diese Transparenz lässt sich später keine geordnete Migration zu quantenresistenten Algorithmen durchführen.
Krypto-Agilität ist deshalb der entscheidende Begriff. Wer heute Transparenz über Zertifikate und Schlüssel schafft, den Lebenszyklus kryptografischer Assets kontinuierlich verwaltet und Post-Quantum Cryptography frühzeitig testet, bereitet sich nicht nur auf eine spätere Quantenära vor, sondern stärkt bereits jetzt die eigene kryptografische Grundlage. Die Schritte, die Organisationen quantensicher machen, sind dieselben, die schon heute helfen, kryptografische Risiken besser zu verstehen und schneller auf Veränderungen zu reagieren.
Quantencomputing ist damit weder reine Zukunftsmusik noch unmittelbarer Alltagsstandard, sondern ein strategischer Wendepunkt im Entstehen. Wer wartet, bis die Technologie ausgereift ist, hat möglicherweise bereits zu spät begonnen.
Quelle: www.keyfactor.com
