Schweizer KMU-Tag 2026: Vom Wahn zum Sinn
Die unsichere Weltlage und die damit verbundenen Unwägbarkeiten für die Unternehmen standen im Zentrum des diesjährigen Schweizer KMU-Tags in St.Gallen. Rund 1100 Gäste hörten unter dem Titel «KMU im Wahn(sinn) – zwischen Albtraum und Wirklichkeit» Erfahrungsberichte und Tipps im Umgang mit den wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen der heutigen Zeit.

Er ist seit über 20 Jahren zur Tradition geworden: Der Schweizer KMU-Tag in St. Gallen. Auch dieses Jahr trafen sich am ersten Freitag nach der OLMA Führungskräfte aus Klein- und Mittelunternehmen (KMU) zu «ihrem» Schweizer KMU‑Tag – zum nunmehr 23. Mal. Moderiert wurde die Tagung von Fabian Unteregger, der in seiner bekannt launigen, aber gleichwohl kompetenten Art das Publikum zu packen wusste.
«Das darf doch nicht wahr sein.»
Wie erleben Unternehmerinnen und Unternehmer den alltäglichen Wahnsinn? Darauf suchte die im Vorfeld des KMU-Tags durchgeführte Umfrage Antworten, die von Gastgeber Tobi Wolf präsentiert wurden. Demnach haben 72,9 Prozent der Befragten mindestens schon einmal einen „Das-darf-doch-nicht-wahr-sein“-Moment erlebt. Und mehr als die Hälfte (54,1 Prozent) erlebt den Alltag als „wahnsinnig“. Als grösste „Albtraum-Faktoren“ erweisen sich dabei Bürokratie, Margendruck sowie der Fachkräfte- und Personalmangel. Dennoch bleibt eine zentrale Erkenntnis: Über 80 Prozent der Unternehmerinnen und Unternehmer würden – trotz vieler Schwierigkeiten auf politischer und wirtschaftlicher Ebene – den Weg des Unternehmertums nochmals gehen. Zentrale Treiber dafür sind gemäss der Umfrage die Stichworte (in dieser Reihenfolge) «Kundennutzen generieren», «Mitarbeitende fördern und entwickeln», «Etwas Eigenes aufbauen» und «Gesellschaftlichen Beitrag leisten». Auf die Frage «Wie viel Sinn steckt im Unternehmertum?» ergab sich ein Totalwert von rund 8 von 10 Punkten. Zusammenfassend hielt Wolf fest: «Der Wahnsinn ist das, was wir erleben. Der Sinn ist das, wofür wir es tun.»

SMEs between their own track and international challenges
Politexperte und HSG-Professor Christoph Frei machte als erster Referent «Anmerkungen zum geopolitischen Kontext» und analysierte mit historischen und aktuellen Bezügen die Lage für Politik und Wirtschaft. Er erläuterte, «warum die alte Ordnung stirbt»: Nach der «Pax Britannica» vor dem Ersten Weltkrieg und der «Pax Americana» nach dem Zweiten Weltkrieg erleben wir nun, wie die europäische und amerikanische Dominanz durch aufstrebende Mächte des globalen Südens zusehends erodiert wird – wirtschaftlich, politisch und militärisch. So stammt mittlerweile ein Drittel der gesamten industriellen Produktion aus China. Christoph Frei sprach in diesem Zusammenhang von den «natürlichen Folgen der Globalisierung». Sie ist geprägt von Konkurrenz von aussen und bringt Gegenkräfte von innen hervor: Ungleiche Verteileffekte, hohe enttäuschte Erwartungen, Verlangen nach Schutz und Sicherheit und «My country first».
Mit Service-Exzellenz dem «Kunden-Wahnsinn» begegnen
Anschliessend holte Zita von Langenstein unter dem Titel «Dienstleistungskompetenz aus Sicht eines Butlers» die Teilnehmenden in ihren unternehmerischen Alltag. Ausgehend von einem Kundenservice-Barometer hielt sie fest: «Nicht der Preis alleine entscheidet über die Kundenbindung, sondern Dienstleistungsqualität. Erst recht in fordernden Situationen.» Ihre Schlussfolgerung: Wer Dienstleistung kultiviert, schafft Vertrauen und gewinnt loyale Kunden. «Das Gewöhnliche aussergewöhnlich gut tun», so ihre Überzeugung. Ihre Ausführungen unterstrich sie mit anekdotischen Beispielen aus ihrer Arbeit, die sie auch ans britische Königshaus gebracht und mit vielen Persönlichkeiten aus dem Showbusiness zusammengeführt hat.

Health Yourself gewinnt den Startup-Pitch
Die Inspiration Session prägten erneut drei starke Startup-Pitches. Alexandra Allgaier (Studyond) zeigte, wie ihr Unternehmen die Erkenntnisse von tausenden von universitären Abschlussarbeiten zu Potenzialen für KMU macht. Patrick Bürkle (flawa iQ) zeigte auf, wie sinnvoll (s)eine automatisierte Erste Hilfe für Unternehmen ist. Anna Rosenkranz (Health Yourself) präsentierte schliesslich, wie das St.Galler Jungunternehmen Routine-Gesundheitsdienstleistungen wie Labortests digital und von zuhause aus zugänglich macht, und zwar ohne Arztbesuch. Per Publikums-Voting gewann Health Yourself, das früher schon den Startfeld-Diamant zugesprochen erhalten hatte, den inoffiziellen «KMU-Tag Startup Award». Den unterhaltsamen Part am Nachmittag übernahm anschliessend Comedian Michel Gammenthaler.

Bundespräsident lobt die Schweizer KMU
Zwei Wochen nach seinem Auftritt kam Bundespräsident Guy Parmelin erneut aufs Olma-Gelände, und er erinnerte zu Beginn seiner Rede daran, dass die Schweizer Unternehmen und damit auch zahlreiche KMU weltweit mit ihren Dienstleistungen und Technologien erfolgreich sind. «Die Stärke der Schweiz liegt nicht im Bundeshaus, sondern bei den Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen», so Parmelin. Er betonte überdies, wie wichtig gute Beziehungen zur EU, zu den USA und zu China seien, auch wenn es nicht immer einfach sei. Auch ein kleines Unternehmen aus der Ostschweiz könne sich weltweit behaupten, wenn es neben guten Rahmenbedingungen und Innovation auch über Mut verfüge.
Als ehemaliger Winzer, so Parmelin, wisse er, dass es auch unbeeinflussbare Faktoren wie das Wetter gebe. Es gelte, auch dann anzupacken, wenn es Unsicherheit gebe. Mit Blick auf seinen Rücktritt per Ende Jahr nach elf Jahren im Bundesrat hielt er fest, dass man auch in der Politik nicht alles kontrollieren könne; auch er habe etliche schlaflose Nächte erlebt. Zu seinen wertvollsten Erfahrungen gehörten die Begegnungen mit Unternehmerinnen und Unternehmern. Er forderte das Publikum auf, den unternehmerischen Mut auch in schwierigen Zeiten nie aufzugeben.
Zum Schluss: «Was wir über uns und die Welt glauben»
Den Schlusspunkt des Tages setzte die Keynote von Entscheidungsarchitekt Reto Blum, der spannende Einblicke auf Abläufe, Annahmen und Erwartungen unseres Hirns gab. Unter dem Stichwort «Was wir über Wissen glauben» liess er durchblicken, dass wir täglich dem «Wahn» nachleben, immer rational und aus Erfahrung zu entscheiden. Kritisch fragte er etwa, wer im Nachhinein eigene Entscheidungen überhaupt klar überprüfe – so wie es zum Beispiel Sportlerinnen und Sportler bei ihren Abläufen und Wettkämpfen systematisch machen. Einer der Hauptgründe dafür ist aus seiner Sicht die Selbstüberschätzung («Overconfidence»). Im Lauf seines Referats entlarvte er zahlreiche «fix installierte» Denkmuster, denen wir bei unseren Entscheidungen unterliegen, als Illusionen. Mit dem Einbezug des Publikums bei Fragen und Tests gelang es ihm, die Energie des Publikums zum Abschluss des Tages nochmals zu wecken – und für manche Teilnehmenden erhielten womöglich irrationale Ausführungen plötzlich einen Sinn…
Der nächste Schweizer KMU-Tag findet am 29. Oktober 2027 statt. Informationen: www.kmu-tag.ch
