Toilettensysteme neu denken – und Wasser sparen

Jojo Casanova ist Gründer von Kompotoi, einem Unternehmen, das mobile Kompost-Toiletten anbietet. Im Gespräch erzählt er, wie die Geschäftsidee in Indien entstand, warum aus einem Verein eine Firma wurde und weshalb Urin und Kot für ihn wertvolle Rohstoffe sind statt Abfall.

Jojo Casanova hat die mobile Kompost-Toilette Kompotoi entwickelt. (Bild: zVg / Kompotoi)

Vielleicht sind sie Ihnen auch schon aufgefallen: Kleine WC-Holzhäuschen, etwa bei Spielplätzen oder an Veranstaltungen. Sie sind heute eine etablierte Alternative zu den mobilen Chemie-Toiletten. Ihr Vorteil: Sie funktionieren ohne Wasser und ohne Kanalisation. Die Ausscheidungen werden gesammelt und später kompostiert. Da der Urin separat gesammelt wird, entsteht weniger Ammoniak, was die Geruchsbildung reduziert. Ebenfalls zur Geruchsbindung wird nach jedem Toilettengang eine Schaufel Einstreu (anstelle der Spülung) über die Hinterlassenschaften verteilt. Entwickelt hat die Kompost-Toiletten Jojo Casanova und sein Team. Am Greenovation Summit vom 10. September 2026 erläutert er, wie man Toilettensysteme neu denkt.

Herr Casanova, wie kamen Sie auf die Idee von Kompotoi?

Jojo Casanova: Ich habe früher ehrenamtlich viel in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet. Dabei hatte ich einmal die Gelegenheit, eine Partnerorganisation in Indien zu besuchen, die Kompost-Toiletten betrieb. Ich durfte mithelfen, diese zu warten und zu leeren, und stellte dabei fest, wie viel hochwertige Erde sich aus der Kompostierung von Fäkalien herstellen lässt. Das brachte mich auf die Idee, eine Alternative zu den bei uns weit verbreiteten Chemietoiletten zu entwickeln. Diese haben keinen besonders guten Ruf, zumal die eingesetzten Chemikalien sehr aggressiv sind. Meine Vision war deshalb eine Lösung, die gleichzeitig schön aussieht und ökologisch ist.

Am Anfang stand ja ein Verein, bevor daraus eine Firma wurde. In welchen Kreisen haben Sie damals Ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter gefunden – auch im Umfeld der Entwicklungszusammenarbeit oder eher in der Ökoszene?

Vor allem waren das Mitbewohner meiner heutigen Frau, die Umweltingenieurwesen studiert hatten. Als ich mit der Idee zu ihnen kam, sagten sie: Ja klar, das haben wir in der Schule gelernt, das funktioniert, das ist sinnvoll – und wir glauben auch, dass es dafür einen Markt gibt. Gemeinsam mit ihnen habe ich dann angefangen. Der Verein war unser Startvehikel, weil wir schlicht nicht wussten, wie das Ganze funktionieren sollte – es gab kein Vorbild, das genau das Gleiche gemacht hätte. Wir haben einfach gesagt: Wir probieren das aus.

Dafür hätte es doch auch Investoren gebraucht – so ein «Toilettenhäuschen» baut man ja nicht einfach im Hobbykeller, das braucht Material und Ausrüstung.

Aber genau das haben wir gemacht: Unsere Zeit haben wir ehrenamtlich eingebracht, und beim Material haben wir versucht, möglichst auf Recyclingmaterial zurückzugreifen, um die ersten Häuschen zu bauen. Das war am Anfang quasi Teil des Konzepts. Aber wir haben schnell gemerkt, dass der Arbeitsaufwand sehr hoch ist, wenn man immer wieder Material auftreiben muss, das jedes Mal unterschiedlich ist – mit einer Standardlösung ist man da deutlich schneller. Diese ganze Entwicklungszeit war im Grunde der Vereinszeitraum: Von 2012 bis 2016 haben wir als Verein operiert, und das war so ziemlich genau die Zeit, in der das fertige Produkt entstand. Klar entwickeln wir es bis heute weiter, aber damals bekamen wir den Stand, an dem wir sagen konnten: Das funktioniert. Wir wissen, wie man es transportiert und wartet, und die Kunden sind zufrieden. Das spiegelte sich auch in einer wachsenden Nachfrage – und so sind wir schliesslich zur Firma geworden.

Wie muss ich mir diesen Innovationsprozess vorstellen – viel Trial and Error, oder gab es auch strukturierte Ansätze?

Ich würde sagen, wir haben wahrscheinlich alle Fehler gemacht, die man machen kann – aber wir haben auch etwas daraus gelernt. Am Anfang, im Vereinsmodus, hatten wir keinen Druck, dass von Anfang an alles funktionieren muss. Wir haben uns die Freiheit genommen, einfach auszuprobieren, auch mal ineffizient zu sein und uns immer wieder neu zu erfinden. Das hat den Anfang sicher geprägt – wir hatten in diesem Sinn keinen Stress.

Die schmucken Toilettenhäuschen finden sich z.B. auch an der Seepromenade in Rapperswil. (Bild: Kompotoi)

Wie funktioniert das Konzept Kompotoi in der Praxis? Es ist ja mobil, braucht Logistik, muss geleert und gereinigt werden. Machen Sie das in Eigenregie, mit Partnern, oder in einer Mischlösung?

Wir machen das Geschäft selbst. Unser Kerngeschäft ist die Logistik – der ganze Transport muss im richtigen Moment am richtigen Ort sein –, und dazu kommt die Wartung, die wir ebenfalls anbieten und die regelmässig wiederkehrt, sodass sie sich gut einplanen lässt. Daneben haben wir Verkauf und Vermietung als zweites und drittes Standbein sowie den Holzbau und die Verwertung. Wir sind also ein sehr vielseitiges Business – das Einfachste habe ich mir damit nicht ausgesucht.

Und wo landet der Kompost – bei Quartierkompostierungen oder bei professionellen Gartenbauunternehmen?

Wir arbeiten mit grossen Kompostierungsfirmen zusammen. Das ist wichtig, weil man im Kompostierungsprozess eine bestimmte Mischung und eine bestimmte Temperatur braucht, um die Hygienisierung sicherzustellen. Zunächst landet das Material bei uns im jeweiligen Lager, von dort aus suchen wir einen guten Partner. Meistens sind das Betriebe, die den Kompost selbst wieder brauchen – zum Beispiel eine Baumschule.

Von welchen Mengen sprechen wir da?

Schweizweit sammeln wir etwa 150 Tonnen Feststoff – diese Zahl ist etwas ungenauer – und schätzungsweise über 250’000 Liter Urin. Das finde ich besonders spannend, weil es diesen Rohstoff Urin bisher praktisch nicht gab: Wir spülen ihn normalerweise mit sechs bis neun Litern sauberem Trinkwasser weg, verdünnen ihn also so stark, dass man ihn kaum mehr als Wertstoff betrachten kann. Wir sind wohl die erste Firma, die diesen Rohstoff in grösserem Rahmen einzeln gewinnt.

Urin besteht ja teilweise aus Harnstoff, der auch als Dünger sehr geschätzt wird. Wer sind die Abnehmer, und wird das separat aufbereitet?

Der Urindünger ist tatsächlich eher im privaten Bereich gefragt, man kann ihn zum Beispiel in unserem Online-Shop beziehen. Preislich sind wir aber noch nicht ganz konkurrenzfähig mit herkömmlich hergestelltem Stickstoffdünger. Wobei man dazu sagen muss: Dieser importierte Stickstoffdünger ist gerade im Klimakontext ebenfalls problematisch, weil seine Herstellung sehr energieintensiv ist – rund zwei Prozent des weltweiten Energiehaushalts fliessen in die Düngerproduktion. Gleichzeitig braucht es Energie, um Nährstoffe wieder aus dem Abwasser herauszuholen. Genau da liegt der Trugschluss: Wir könnten beide Probleme lösen, wenn der Urin gar nicht erst ins Wasser gelangt. Statt das Wasser zu verschmutzen, könnten wir gleich Dünger produzieren.

Diese Überlegung dürfte angesichts von Hitzewellen und Wasserknappheit noch relevanter werden. Wäre eine Komposttoilette – auch in stationärer Form – nicht eine willkommene Alternative zum Wassersparen?

Absolut, und das ist durchaus machbar. Im grossen Stil wird es aber noch sehr wenig eingesetzt, auch weil man die bestehende Infrastruktur, die über die letzten 150 Jahre aufgebaut wurde, weiternutzen möchte. Das ist eigentlich unsere grösste Herausforderung: Wie bauen wir die Innovation neben einer Infrastruktur auf, die es bereits gibt? Ein Beispiel ist Paris: Dort hat die Kläranlage ein Problem, weil sie mittlerweile mitten in der wachsenden Stadt liegt und sich nicht mehr vergrössern kann, während der Zufluss stetig steigt. Die Stadt Paris hat deshalb eine Förderung für jedes Gebäude eingeführt, das seine Abwässer selbst klären kann – und genau solche Technologien werden dadurch extrem gefördert.

Das wäre auch für Eigenheimbesitzer eine gute Lösung: Eine eigene Energieversorgung über Solarpanels und die Toilette als Kompostlösung für den Gemüsegarten.

Genau, und das ist ein spannender Punkt. Kreislaufwirtschaft ist zwar im Aufschwung, aber Nährstoffe sind dabei noch selten ein Thema – die Diskussion bleibt oft sehr technisch. Dabei macht Urin, neben Feststoffen, einen Grossteil der Verschmutzung unseres Abwassers aus. Muss man nur noch Dusch- und Abwaschwasser reinigen, ist das deutlich einfacher als die Reinigung von Schwarzwasser. Trennt man also die Toilette vom übrigen Abwasser, lässt sich das restliche Wasser viel leichter reinigen – etwa im Einfamilienhaus – und lokal versickern lassen, was dem Grundwasser zugutekäme, oder es liesse sich mit weniger Energieaufwand wieder in den normalen Wasserkreislauf einspeisen.

Einstreu statt Wasser: Eine Schaufel davon bindet Gerüche und fördert den Kompostierprozess. (Bild: Kompotoi)

Was man erntet, wird verdaut und kommt letztlich wieder in den Kreislauf zurück. Das ist wohl das Natürlichste der Welt – aber wir sind davon offenbar noch recht weit entfernt.

Ja. Es ist übrigens interessant: Kürzlich gab es einen Radiobeitrag auf SRF, in dem ein Bauer erzählte, er habe sich eine Trockentoilette eingerichtet, weil er das Wasser für andere Zwecke braucht. Solche Betriebe sind natürlich direkt von der Wasserproblematik betroffen, und dort lässt sich der Kreislauf relativ eng schliessen.

Reden wir noch etwas über den Markt: Wo ist Kompotoi aktuell am stärksten im Einsatz – bei Grossveranstaltungen, fest installiert in Tourismusregionen wie SAC-Hütten, oder auf einsamen Alpen?

Diese beiden Bereiche machen zwar einen Teil aus, sind aber nicht der grösste. Sehr stark sind wir bei Gemeinden mit öffentlichen Plätzen – im Grunde braucht praktisch jeder Spielplatz eine Toilette, und dort engagieren wir uns stark. Den Tourismus haben Sie schon erwähnt, aber auch dort geht es nicht nur um SAC-Hütten, sondern um ein sehr breites Feld – im Aargau etwa, in einem Wald bei Schneisingen, haben wir rund 15 Standorte. Ein Bereich, in dem wir noch etwas Fuss fassen müssen, sind Baustellen: Auch Bauarbeiter haben einen harten Job und würden eine anständige Toilette verdienen, aber dort gibt es bereits bekannte Anbieter. Da braucht es sicher noch einen gewissen Wechsel im Mindset.

Wo geht die Reise als Unternehmen weiter – welche strategischen und Wachstumsziele habt ihr?

Wir wachsen nach wie vor und wollen auch weiter wachsen. Unsere Infrastruktur haben wir in den letzten Jahren so aufgebaut, dass wir dieses Wachstum stemmen können. Betrachtet man den Gesamtmarkt in der Schweiz, gibt es rund 30’000 mobile Toiletten, von denen wir aktuell etwa 1’400 stellen – da ist also durchaus noch Potenzial, das wir vor allem in unseren bestehenden Zielgruppen ausschöpfen wollen. Sehr spannend wäre es für uns, ein Standbein zu finden, das uns über den Winter hilft, denn unsere Hauptzielgruppen sind stark saisonabhängig, was sich entsprechend auf unser Geschäft auswirkt. Wenn wir im Winter die Infrastruktur besser auslasten könnten, wäre das ein grosses Ziel für uns.

Reicht die Finanzierung aus dem laufenden Geschäft, oder stehen auch Investoren im Hintergrund, und sind weitere Finanzierungsrunden geplant?

Es gibt Investoren im Hintergrund, und angesichts des weiteren Wachstums ist es gut möglich, dass wir eine weitere Investorenrunde durchführen. Konkret läuft aktuell aber noch nichts.

Was ist am Green Innovation Summit Ihre Kernbotschaft an das Publikum?

Meine Kernbotschaft ist: Innovation ist möglich, und wir sollten sie einfach auch umsetzen. Wir leben in einem Zeitalter, in dem in den letzten dreissig Jahren unheimlich viele gute Ideen entwickelt wurden – die Lösungen sind eigentlich alle da. Jetzt geht es nur noch darum, sie auch umzusetzen.

Weitere Informationen: www.kompotoi.ch

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