Arbeit unter Druck – unterschiedliche Blickwinkel auf wachsende Belastung

Der neue «Barometer Gute Arbeit» von Travail.Suisse zeigt: Die psychische Belastung der Schweizer Arbeitnehmenden steigt. Während der Dachverband der Arbeitnehmenden vor allem die Verantwortung der Betriebe und die Gefahren längerer Arbeitstage betont, mahnt der Arbeitgeberverband aber zu mehr Differenzierung.

Alles andere als «gute Arbeit»: Arbeit unter Druck und deren Folgen bleiben ein Problem vieler Arbeitnehmenden. (Symbolbild; Depositphotos.com)

Am 20. November 2025 wurde die neue Ausgabe des «Barometer Gute Arbeit» veröffentlicht. Dabei handelt es sich um ein Kooperationsprojekt von Travail.Suisse und der Berner Fachhochschule (BFH), das mittels einer repräsentativen Umfrage bei Schweizer Arbeitnehmenden die Qualität der Arbeitsbedingungen in der Schweiz misst. Für die vorliegende 11. Ausgabe wurden 1’422 Personen in der ganzen Schweiz befragt.

Stress wird zum Alltag

Der aktuelle «Barometer Gute Arbeit» zeichnet laut seinen Herausgebern ein zunehmend besorgniserregendes Bild von Arbeit unter Druck. Vier von zehn Beschäftigten würden sich regelmässig erschöpft fühlen, über 42 Prozent oft unter Stress leiden, und mehr als ein Viertel müsse auch ausserhalb der Arbeitszeiten erreichbar sein, so die Ergebnisse der Befragung. Travail.Suisse sieht die Ursache klar in einer Verschärfung der Arbeitsbedingungen. Überlange Arbeitstage, häufige Überstunden und Schwierigkeiten, Beruf und Privatleben zu vereinbaren, führten dazu, dass Erholung für viele zur Ausnahme werde. Besonders kritisch bewertet Travail.Suisse die im Parlament diskutierten Lockerungen des Arbeitsgesetzes. 17-Stunden-Tage oder verkürzte Ruhezeiten würden die ohnehin angespannte Lage weiter verschlimmern, warnen die Herausgeber der Befragung.

Auch die zunehmende Kluft zwischen flexiblen und weniger flexiblen Arbeitsmodellen beschäftigt den Verband. Während Homeoffice-Beschäftigte von grösserer Autonomie profitierten, litten Angestellte ohne solche Möglichkeiten eher unter Stress, langen Arbeitstagen und körperlichen Belastungen. Travail.Suisse fordert deshalb verbindliche Grenzen für Überstunden, attraktivere Arbeitszeiten für alle Berufsgruppen und besseren Zugang zu Weiterbildungen, besonders im Hinblick auf die digitale Transformation.

Arbeitgeber: Belastungen entstehen nicht nur im Job

Der Schweizerische Arbeitgeberverband teilt die Sorge um steigende psychische Belastungen – sieht deren Ursachen aber breiter verteilt. Stress sei «multikausal», betonen die Arbeitgeber in einer ebenfalls am 20. November veröffentlichten Stellungnahme. Finanzielle Unsicherheiten, familiäre Verpflichtungen, gesellschaftlicher Druck und private Betreuungslasten trügen ebenso dazu bei wie Arbeitsbedingungen. Ein einseitiger Fokus auf die Betriebe greife daher zu kurz.

Gleichzeitig verweisen die Arbeitgeber auf zahlreiche eigene Initiativen: flexible Arbeitszeitmodelle, Homeoffice-Regelungen, Gesundheitsprogramme oder erweiterte Teilzeitmöglichkeiten seien längst etabliert. Viele Unternehmen handelten bereits über gesetzliche Vorgaben hinaus, doch nicht alle Branchen hätten dieselben Spielräume. In Bereichen wie Gesundheit, Betreuung oder Sicherheit seien Präsenz und Schichtarbeit unverzichtbar – dort liessen sich Arbeitszeiten nicht grenzenlos flexibilisieren.

Kontroverse um politische Forderungen

Pauschale gesetzliche Verschärfungen seien realitätsfremd und könnten ganze Branchen organisatorisch überfordern, warnt der Arbeitgeberverband. Er plädiert für differenzierte, praxistaugliche Lösungen statt starrer Vorgaben. Beide Seiten erkennen Handlungsbedarf – doch während Travail.Suisse verbindliche Grenzen fordert, setzen die Arbeitgeber auf Kooperation und flexible Ansätze.

Quellen: Travail.Suisse und Schweizerischer Arbeitgeberverband

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