Ethik Society warnt: 80 Prozent aller Jobs fallen bis Ende des Jahrzehnts weg

Die Ethik Society hat ein Positionspapier zur Zukunft der Arbeit im KI-Zeitalter veröffentlicht. Darin prognostizieren die Autoren Jürgen Linsenmaier, Reiner Huthmacher und Gerald Wood eine «Disruption biblischen Ausmasses»: Bis Ende des Jahrzehnts werden 80 Prozent der derzeit bekannten Jobs überflüssig werden. Sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse gehören der Vergangenheit an, die Gig-Economy wird zur Regel.

Reiner Huthmacher ist Arbeitsmarkt- und Personalexperte
Reiner Huthmacher ist Arbeitsmarkt- und Personalexperte. Er ist Mitautor eines Positionspapiers der Ethik Society zur Zukunft der Arbeit im KI-Zeitalter. Quelle: zvg

Die Ethik Society hat ein Acht-Punkte-Papier zur Zukunft der Arbeit im KI-Zeitalter veröffentlicht. Die Kernbotschaft: Es wird zukünftig kaum noch sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse geben, 80 Prozent der Jobs werden wegfallen, und der ausgeübte Beruf wird nicht mehr die Identität bestimmen. Die Autoren Jürgen Linsenmaier, Reiner Huthmacher und Gerald Wood werfen der Politik vor, die wirklich wichtigen Debatten nicht zu führen und die Entwicklung zu verharmlosen.

Politik verharmlost die Entwicklung

«Die Politik sagt nicht die Wahrheit, verharmlost und ignoriert die Entwicklung», kritisiert Gerald Wood, KI-Experte und Autor des Buches «#NextGenWork». 80 Prozent der derzeit bekannten Jobs werden überflüssig werden – nicht in zwanzig Jahren, sondern bis Ende des Jahrzehnts. «Und ja, es werden auch neue Jobs entstehen, aber es werden komplett andere Jobs sein, von denen wir heute noch nicht einmal die Berufsbezeichnung kennen», ist er überzeugt.

Gerald Wood ist KI-Entwickler und Autor des Buches #NextGenWork
Gerald Wood ist KI-Entwickler und Autor des Buches #NextGenWork. Quelle: zvg

Es werde eine Disruption biblischen Ausmasses, an deren Ende die allermeisten Jobs solche sein werden, die entweder direkt von KI oder Robotern erledigt würden oder in denen der Mensch faktisch mit technischen Systemen verschmolzen sein wird. Es sei das Ende der Arbeit, wie wir sie kennen. Wer sich jetzt nicht in Sachen KI fortbilde und sich fit mache, sowohl als Unternehmen als auch als Beschäftigter, werde vom Markt verschwinden. Es sei fünf nach zwölf, so der Deutsch-Amerikaner.

Gig-Economy wird zur Regel

«Die Festanstellung hat ausgedient. Wer demnächst noch Arbeit hat, wird diese befristet in Projekten, von denen er in der Regel mehrere gleichzeitig hat, erledigen», erklärt Wood. Die sogenannte Gig-Economy werde zur Regel. Letztlich werden alle auf die eine oder andere Art selbstständig werden und von überall aus arbeiten können. «Dann sind die Sozialversicherungen und unser Steuersystem am Ende.»

Das Papier der Ethik Society empfiehlt deswegen, zukünftig nicht mehr Arbeit zu besteuern, sondern Produktivität, etwa in Form einer Maschinensteuer. Mit Blick auf die Sozialsysteme empfehlen die Autoren, sich an den privaten Systemen zu orientieren. «Wenn fast alle wie Selbständige arbeiten, dann haben kollektive Umlagesysteme keine Zukunft», so die Autoren.

Technologiedividende für Beschäftigte

Reiner Huthmacher, Arbeitsmarkt- und Personalexperte, wirbt für mehr Mitarbeiterbeteiligung. «Wir erwarten von den Mitarbeitern, dass sie an der aktuellen Transformation motiviert mitwirken. Dann ist es nur fair, sie auch angemessen zu beteiligen.» Hierfür entwickelt das Ethik-Society-Papier mehrere Szenarien und Lösungen. Mitarbeiter sollten in jedem Falle eine Art «Technologie-Dividende» erhalten.

Jürgen Linsenmaier ist Gründer der Ethik Society und Herausgeber des 8-Punkte-Papiers
Jürgen Linsenmaier ist Gründer der Ethik Society und Herausgeber des 8-Punkte-Papiers. Quelle: zvg

Zudem müssten sich auch Arbeitgeber fortbilden, um sich der neuen Rolle in weitgehend digitalen und autonom agierenden Unternehmen anzupassen. «Die Führungskraft der Zukunft wird nicht nur Menschen führen, sondern auch KI-Modelle. Das ist etwas völlig anderes als heute», so Reiner Huthmacher.

Huthmacher fordert zudem von der Politik, die monatlichen Sachbezugsfreigrenzen von derzeit 50 Euro auf mindestens 500 Euro anzuheben. «Gerade in diesen Umbruchzeiten muss sich Arbeit lohnen, und Unternehmen, die ihren Beschäftigten etwas bieten wollen, sollten dies unkompliziert und individuell tun können.» Er ist sich sicher: In den kommenden Jahren werden wir Fachkräftemangel und Massenarbeitslosigkeit parallel erleben. Das sei kein Widerspruch, sondern logische Folge der technischen Entwicklung.

KI nachhaltig gestalten

Jürgen Linsenmaier, Gründer der Ethik Society und Herausgeber des Acht-Punkte-Papiers mahnt zu einem nachhaltigen Umgang mit KI. «Die Regulierung darf keinesfalls die Entwicklung behindern, aber es müssen auch ethische Fragen sowie Aspekte des Umweltschutzes berücksichtigt werden», so seine Mahnung. Beispielhaft nennt er den hohen Energieverbrauch, den Bau neuer Rechenzentren und Green Coding.

«Bislang definieren wir uns weitgehend über unseren Beruf und unsere beruflichen Erfahrungen. Was aber, wenn das wegfällt, weil fast jeder alles mithilfe von KI selbst erledigen kann? Wir werden neue Formen des Miteinanders finden müssen. Es wird eine neue Menschlichkeit entstehen», so Jürgen Linsenmaier abschliessend mit einer positiven Botschaft.

Das gesamte Acht-Punkte-Papier «Die Zukunft der Arbeit im KI-Zeitalter» gibt es unter https://wirtschaft-und-ethik.com/positionspapier-zukunft-der-arbeit/.

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