Ruhestand: Die Schweiz wünscht sich mehr Spielraum
71 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer träumen von einer Frühpensionierung – doch nur 26 Prozent halten dies finanziell für realistisch. Eine Umfrage im Auftrag der Groupe Mutuel und Le Temps zeigt, wie gross der Reformbedarf im Schweizer Vorsorgesystem ist.

Traum und Realität klaffen beim Thema Pensionierung in der Schweiz weit auseinander. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage von MIS Trend, die zwischen dem 19. und 28. Juni 2026 bei 1’240 Personen im Auftrag der Groupe Mutuel und der Zeitung Le Temps durchgeführt wurde. Gewünscht wäre eine Pensionierung mit 57 Jahren – also deutlich vor dem Referenzalter und sogar vor der heute geltenden Untergrenze von 58 Jahren.
Das Portemonnaie entscheidet
Tatsächlich bleibt die Frühpensionierung für viele ein Luxus. Während 71 Prozent der Befragten davon träumen, geben 38 Prozent an, bis zum ordentlichen Rentenalter arbeiten zu wollen, und 18 Prozent können sich sogar vorstellen, noch länger zu arbeiten. Der Faktor Geld spielt dabei die entscheidende Rolle: Für 59 Prozent der Befragten hängt der Pensionierungsentscheid ausschliesslich oder fast ausschliesslich von finanziellen Überlegungen ab. «Oft ist es eher eine Frage des Könnens als eine Frage des Wollens», wie aus der Umfrage hervorgeht. Gesundheit, Freude an der Arbeit und Familie spielen ebenfalls eine Rolle, sind jedoch zweitrangig.
Die Vorsorge geniesst Vertrauen – doch der Reformbedarf ist offensichtlich
64 Prozent der Befragten vertrauen ihrem Vorsorgesystem. Spitzenreiterin ist dabei die 3. Säule: 83 Prozent bewerten deren finanzielle Situation positiv, bei der 2. Säule sind es 75 Prozent und bei der AHV 62 Prozent. Dieses Vertrauen ist jedoch kein Blankoscheck: Nur gerade 17 Prozent sind der Meinung, dass die AHV ohne tiefgreifende Reformen in 20 Jahren noch in ihrer heutigen Form existieren wird. 59 Prozent gehen davon aus, dass sie sich gravierend verändern wird. «Das Vertrauen ist nach wie vor da, trotzdem wird der Ruf nach Reformen immer lauter», hält MIS Trend fest.
Länger arbeiten? Ja, aber nicht um jeden Preis
Die Erhöhung des Rentenalters bleibt ein kontroverses Thema: Nur 18 Prozent der Befragten befürworten eine generelle Anhebung. 41 Prozent würden sie nur für körperlich weniger anstrengende Tätigkeiten gutheissen, und ebenso viele lehnen eine Erhöhung kategorisch ab. Gleichzeitig wünscht sich die Bevölkerung konkrete Massnahmen für ältere Arbeitnehmende: 55 Prozent sprechen sich dafür aus, diese im Arbeitsmarkt zu halten, und 53 Prozent befürworten die Möglichkeit, ab 55 oder 60 Jahren beruflich kürzer zu treten – auch wenn dies eine tiefere Rente bedeuten würde. «Das Modell, das sich herauskristallisiert, ist kein einheitliches Rentenalter, sondern ein schrittweiser Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand», fasst die Umfrage zusammen.
Die Angst vor dem Einkommensverlust
Ein zentrales Thema in der Pensionierungsdebatte bleibt die Angst um den Lebensstandard. Mit 56 Prozent macht sich über die Hälfte der Befragten Sorgen um ihr Einkommen nach der Pensionierung. Nur 27 Prozent glauben, den gewohnten Lebensstandard im Ruhestand beibehalten zu können. Das Fazit der Umfrage ist klar: Gefordert wird nicht nur ein früheres Rentenalter, sondern auch eine flexiblere und für die Gesellschaft nachhaltigere Regelung der Pensionierung.
Quelle: www.groupemutuel.ch
