KI verändert den Schweizer Arbeitsmarkt – und verunsichert die junge Generation

Der erste jobs.ch KI Report analysiert 7,3 Millionen Stelleninserate und zeigt: Künstliche Intelligenz verändert Berufseinstieg, Fachkräftenachfrage und Lohnstrukturen in der Schweiz tiefgreifend. Besonders junge Arbeitnehmende spüren den Druck – und haben Angst, beruflich den Anschluss zu verlieren.

Junge fürchten AI FOBO und beruflichen Relevanzverlust. Quelle: zvg

Der Schweizer Arbeitsmarkt befindet sich in einer Phase beschleunigter Veränderung. Künstliche Intelligenz verändert Aufgabenprofile, Anforderungen und die Nachfrage nach bestimmten Berufsrollen – jedoch nicht überall gleich schnell und nicht in allen Branchen gleich stark. Der jobs.ch KI Report 2026, publiziert von Jobcloud am 24. Juni 2026, liefert dazu eine datenbasierte Standortbestimmung auf Basis von 7,3 Millionen Stelleninseraten der Plattformen jobs.ch, jobup.ch und JobScout24.ch sowie Befragungen von über 3’600 Arbeitnehmenden und rund 850 Unternehmen in der Schweiz.

Berufseinstieg unter Druck

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Der Anteil aller Stellenanzeigen für Berufseinsteiger:innen ist im Jahr 2025 im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2019–2022 um 32 Prozent zurückgegangen. Fast die Hälfte aller analysierten Stelleninserate (44 %) entfällt auf sogenannte KI-exponierte Rollen – dazu zählen insbesondere Berufe in Administration und HR, Banking, Finanzen, Marketing, Einkauf und Vertrieb sowie IT- und Telekomfunktionen. Genau in diesen Bereichen ist der Anteil an Einstiegspositionen besonders stark gesunken.

KI reduziert Junior-Stellen, während Senior-Positionen steigen. Quelle: zvg

Die anhaltende Differenz zwischen Junior- und Senior-Positionen deutet auf eine strukturelle Verschiebung hin: Unternehmen tauschen zunehmend Einsteigerpersonal gegen erfahrene Profile aus. In einer Arbeitswelt, in der KI-Tools klassische Nachwuchsaufgaben wie Dateneingabe, einfache Analysen oder das Verfassen erster Entwürfe übernehmen können, brauchen Betriebe schlicht weniger Mitarbeitende am unteren Ende der Karriereleiter. «Wer heute ins Berufsleben einsteigt, trifft auf einen anderen Arbeitsmarkt als noch vor wenigen Jahren. KI übernimmt zunehmend Aufgaben, die lange als klassische Einstiegsarbeit galten. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Arbeit verschwindet, sondern wie Menschen künftig Berufserfahrung aufbauen», sagt Marco Bertoli, CEO von Jobcloud.

Das führt zu einem Paradoxon: Gerade jene Bereiche, auf die viele junge Menschen in Ausbildung und Studium vorbereitet werden – etwa Wirtschaft, IT, Marketing oder Finanzen – sind derzeit auch jene Felder, in denen klassische Einstiegspositionen am stärksten unter Druck geraten.

Zwei Realitäten: Fachkräftemangel und sinkende Nachfrage

Der sogenannte Scarcity-Index, der die Knappheit von Fachkräften misst, zeigt die Spaltung des Schweizer Arbeitsmarkts besonders deutlich. Zwischen 2023 und 2025 stieg der Scarcity-Index für weniger KI-exponierte Berufe um 19 Prozent – diese Stellen werden also zunehmend schwieriger zu besetzen. Gleichzeitig sank der Index für KI-exponierte Rollen um 69 Prozent. Die Divergenz von rund 90 Prozentpunkten zwischen den beiden Gruppen deutet auf eine strukturelle Verschiebung hin.

Auf der einen Seite stehen Pflegekräfte, Handwerker:innen und Frontline-Personal: schwer automatisierbar, zunehmend knapp. Eine Pflegefachkraft ist heute achtmal schwieriger zu rekrutieren als noch 2023, und die Schweiz prognostiziert bis 2030 einen Mangel von über 65’000 Fachkräften im Gesundheitswesen. Auf der anderen Seite drängen Marketingfachleute, Analyst:innen und Verwaltungsangestellte in einen Markt, in dem die Nachfrage spürbar nachgelassen hat. Besonders im Baugewerbe zeigt sich ein starkes Wachstum: Die Nachfrage nach handwerklichen und technischen Fähigkeiten stieg um 522 Prozent, getrieben durch langfristige Infrastruktur- und Transformationsprojekte wie die Klimastrategie Net-Null 2050, energetische Gebäudesanierungen und den Ausbau erneuerbarer Energien.

Jobs Marketing und HR leichter, Küche schwerer besetzbar. Quelle: zvg

KI emanzipiert sich von der IT-Branche

Ein weiterer zentraler Befund des Reports: KI-Kompetenzen verbreiten sich zunehmend über klassische Tech-Berufe hinaus. Seit dem flächendeckenden Durchbruch von Large Language Models sank der Anteil KI-bezogener Stelleninserate in IT und Telekom um 30 Prozent. Gleichzeitig wächst der Anteil entsprechender Inserate in anderen Branchen stark: im Bau, in der Architektur und im Engineering um 186 Prozent, in Finanzen, Treuhand und Immobilien um 133 Prozent, aber auch in der Gastronomie, im Maschinen- und Anlagenbau sowie in der öffentlichen Verwaltung. KI entwickelt sich damit von einer reinen Technologiekompetenz zu einer branchenübergreifenden Anwendungskompetenz – mit konkreten Einsatzfeldern wie Building Information Modeling, automatisierten Genehmigungsprozessen oder Baustellenüberwachung.

Veränderte Lohndynamik: Spezialisten gewinnen, Mitte gerät unter Druck

Die Auswirkungen von KI zeigen sich zunehmend auch in den Lohnstrukturen. Besonders auffällig ist der Druck auf mittlere bis gehobene Lohnbänder: In Verkauf, Customer Service und Administration sank ihr Anteil seit 2023 um 53 Prozent, im Maschinen- und Anlagenbau um 46 Prozent. Gleichzeitig gewinnen tiefe Lohnsegmente an Anteil, und hochspezialisierte Fachkräfte – insbesondere in Medizin, Technik und Infrastruktur – bleiben stark gefragt. Im Gesundheitswesen etwa stieg der Anteil der Medizin-Inserate im sehr hohen Lohnsegment (über 135’000 Franken) von 8 Prozent im Jahr 2023 auf 32 Prozent – ein Plus von 24 Prozentpunkten. Auch das Bauwesen zeigt eine ungewöhnliche Entwicklung: Das Stellenvolumen stieg um 41 Prozent, und gleichzeitig wächst das sehr hohe Lohnsegment um 71 Prozent.

AI FOBO: Die Angst der jungen Generation

Ergänzend zur Stellenmarktanalyse untersuchte der Report, wie Arbeitnehmende die Auswirkungen von KI wahrnehmen. Das Gesamtbild ist überraschend positiv: 78 Prozent der Befragten fühlen sich im Umgang mit künstlicher Intelligenz grundsätzlich gut aufgestellt, 42 Prozent nutzen KI aktiv als Werkzeug im Arbeitsalltag, und 57 Prozent bilden sich selbstständig weiter – häufig informell über Online-Inhalte oder das Ausprobieren neuer Tools.

Doch bei jüngeren Altersgruppen fällt das Bild deutlich anders aus. 41 Prozent der unter 25-Jährigen geben an, sich grosse oder sehr grosse Sorgen zu machen, durch KI beruflich an Relevanz zu verlieren. Bei den 25- bis 34-Jährigen sind es 37 Prozent. International wird dieses Phänomen zunehmend als «AI FOBO» – «Fear of Becoming Obsolete» – diskutiert: die Sorge, technologisch den Anschluss zu verpassen oder im Arbeitsmarkt an Bedeutung zu verlieren. «Wenn vier von zehn jungen Arbeitnehmenden befürchten, beruflich an Relevanz zu verlieren, ist das nicht primär ein Technologie-Thema. Es ist eine Frage von Ausbildungsangebot, Weiterbildung und Perspektiven», betont Bertoli.

Gleichzeitig zeigt der Report einen bemerkenswerten Widerspruch: Während sich viele Arbeitnehmende grundsätzlich KI-fit fühlen, geben 34 Prozent der befragten Unternehmen an, Schwierigkeiten bei der Rekrutierung geeigneter KI-Fachkräfte zu haben. Dies deutet darauf hin, dass Selbstwahrnehmung und konkrete Marktanforderungen sich derzeit unterschiedlich entwickeln.

Fazit: Orientierung als gesellschaftliche Aufgabe

Die Daten des jobs.ch KI Reports zeigen: Der Schweizer Arbeitsmarkt verändert sich tiefgreifend, aber nicht überall gleich. KI ersetzt nicht einfach Arbeit – sie verändert Aufgabenprofile, Kompetenzanforderungen und Karrierewege. Technische, handwerkliche und zwischenmenschliche Fähigkeiten gewinnen an Bedeutung, während klassische Büro- und Wissensberufe – besonders auf Einstiegsniveau – unter Druck geraten. KI-Kompetenzen breiten sich dabei über immer mehr Branchen aus, und Zürich bleibt zwar das wichtigste Zentrum für KI-Stellen (32 % aller nationalen KI-Inserate), doch andere Regionen wie Genf, Basel und die Waadt wachsen schneller. «Die zentrale Frage lautet nicht, ob sich Arbeit verändert, sondern wie gut wir Menschen auf diese Veränderung vorbereiten», schliesst Bertoli. Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Politik stehen gemeinsam in der Verantwortung, Perspektiven zu schaffen und den Zugang zu neuen Kompetenzen zu erleichtern.

Quelle: www.jobs.ch

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