Motivation allein bringt niemanden voran
Vor kurzem hatte Edgar Allan Poe Geburtstag. Kein Name, den man spontan mit Leadership verbindet – und doch jemand mit einem bemerkenswert feinen Gespür für menschliche Zustände.

Der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe beschäftigte sich mit inneren Spannungen und mit dem, was geschieht, wenn etwas nicht zu Ende geführt wird. Ein Satz von ihm ist mir dabei wieder in den Sinn gekommen:
«The true genius shudders at incompleteness.»
(«Das wahre Genie schaudert vor Unvollständigkeit.»)
Das klingt literarisch. Übertragen auf Führung bekommt es jedoch eine sehr praktische Bedeutung.
Unvollständigkeit kostet Energie. Nicht, weil es an Zielen fehlen würde. In den meisten Fällen ist klar, was wichtig wäre. Strategische Stossrichtungen sind definiert, Initiativen gestartet, Erwartungen formuliert. Die Ambition stimmt. Und dennoch entsteht im Alltag häufig eine Lücke zwischen dem, was Sie sich vorgenommen haben, und dem, was tatsächlich umgesetzt wird.
Diese Lücke hat selten mit Kompetenz zu tun. Und sie hat erstaunlich wenig mit Motivation zu tun. Motivation fühlt sich gut an, wenn sie da ist, aber sie ist kein stabiler Treiber. Sie schwankt mit der Tagesform, mit Termindruck oder mit der Stimmung im Umfeld. Wer sich ausschliesslich auf Motivation verlässt, macht seine Wirkung vom Zufall abhängig. Verlässliche Wirkung entsteht dort, wo Verhalten unabhängig von Stimmung stabil wird. Dort, wo Sie etwas tun, weil es richtig ist – nicht, weil es sich gerade gut anfühlt.
Viele Führungskräfte unterschätzen, wie viel mentale Kapazität durch offene Themen gebunden wird: ein Gespräch, das längst hätte geführt werden sollen, eine Entscheidung, die vertagt wird, ein Projekt, das nicht sauber abgeschlossen ist. Nicht die Grösse einer Aufgabe belastet, sondern ihr offener Zustand.
Ein klar definierter, abgeschlossener Schritt schafft hingegen sofort Entlastung. Er stärkt Ihre Selbstführung und sendet zugleich ein Signal ins Team: Hier wird nicht nur geplant, hier wird umgesetzt.
Gerade wenn Sie viel Verantwortung tragen, ist diese Konsequenz entscheidend. Ihr Verhalten setzt Massstäbe – auch ohne grosse Worte.
Einige Reflexionsfragen dazu:
- Welcher konkrete Schritt würde Ihr zentrales Thema voranbringen, wenn Sie ihn konsequent umsetzen – auch an anspruchsvollen Tagen?
- Bei welchem Thema verschieben Sie die Umsetzung, obwohl Sie wissen, dass es Wirkung hätte? Und was ist der wahre Grund dafür?
- Welche Entscheidung wäre längst fällig – und wie würde sich Ihre Energie verändern, wenn Sie sie treffen?
Unvollständigkeit bindet Kraft. Ein klarer Abschluss setzt Kraft frei. Genau darin liegt die Aktualität von Poes Gedanken – und vielleicht ein stiller Massstab für professionelle Führung.

Zum Autor:
Volkmar Völzke ist Erfolgs-Maximierer. Buchautor. Berater. Coach. Speaker. www.volkmarvoelzke.ch
