Transformationen erfordern Lösungen zweiter Ordnung
In vielen Transformationsprojekten werden nur die Symptome vorhandener Probleme behandelt. Um die realen Probleme und deren Ursachen zu erkennen und zu beseitigen, bedarf es meist eines «Tiefseetauchens» in der Organisation und Lösungen zweiter Ordnung.
Aufgrund der sich rasch verändernden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stehen zurzeit viele Unternehmen vor der Notwendigkeit einer tiefgreifenden Transformation. Entsprechend viele Changeprojekte finden in ihnen statt, doch deren Erfolg bleibt oft hinter den Erwartungen zurück:
- Neue Systeme werden eingeführt, doch nicht genutzt.
- Strategien werden verabschiedet, doch nicht gelebt.
- Strukturen werden angepasst, ohne dass sich die Zusammenarbeit und Ergebnisse spürbar verbessern.
Die Gründe hierfür liegen selten in handwerklichen Fehlern bei der Projektplanung. Sie wurzeln vielmehr in der Natur der Organisationen, denn: Diese sind keine mechanischen Systeme, die sich linear steuern lassen, sondern soziale Gefüge. Sie bestehen aus Menschen mit individuellen Erfahrungen, Interessen, Ängsten, Routinen, Überzeugungen usw.. Deshalb kann auch eine rational überzeugende Strategie nicht anschlussfähig sein.
Warum Menschen sich Vernünftigem widersetzen
Aus Sicht der Top-Entscheider in den Unternehmen ist der Widerstand von Teilen der Belegschaft gegen geplante Veränderungen oft unverständlich. Sie fragen sich:
- Warum halten die Mitarbeitenden an ineffizienten Routinen fest?
- Warum blockieren sie Massnahmen, die offensichtlich Verbesserungen bringen sollen?
Die Antwort liegt in der Wahrnehmung der Betroffenen. Veränderungen bedeuten für sie Unsicherheit. Sie stellen das Vertraute infrage und werfen für sie existenzielle Fragen auf, wie:
- Werde ich künftig noch gebraucht??
- Verliere ich an Einfluss?
- Kann ich den neuen Anforderungen gerecht werden?
- Wird meine bisherige Leistung entwertet?
Was aus Unternehmenssicht eine notwendige Veränderung ist, stellt für die Betroffenen top-down oft eine Bedrohung ihrer beruflichen Identität dar. Widerstand ihrerseits ist deshalb kein Zeichen für Unvernunft, sondern ein Ausdruck von Sorge und dient dem Selbstschutz.
Verflixt, immer wieder tauchen dieselben Probleme auf
In nahezu allen Changeprojekten zeigen sich ähnliche Hindernisse bzw. Erfolgsbarrieren:
- Silodenken,
- mangelnde Kooperation,
- starre Routinen und
- Angst vor Neuem.
Häufig werden diese Probleme von den Projektverantwortlichen direkt adressiert – etwa mittels neuer Tools, Prozesse und Strukturen. Doch die Effekte bleiben meist begrenzt. Die Probleme verschwinden nicht, sie treten vielmehr in leicht veränderter Form weiter auf, denn: Die vorgenannten Hindernisse sind nicht die eigentlichen Problemursachen. Sie sind nur Symptome von diesen.
Ein klassisches Beispiel hierfür ist das Silodenken der Abteilungen. Eine naheliegende Lösung hierfür sind bereichsübergreifende Projekte und veränderte Kommunikationsstrukturen. Nach deren Einführung besteht das Silodenken aber oft weiter. Warum? Zuweilen zum Beispiel, weil die Entlohnung der Mitarbeitenden sich weitgehend am betriebswirtschaftlichen Ergebnis der Abteilung orientiert. Ist dies der Fall, ist aus Mitarbeitersicht eine bereichsübergreifende Kooperation weder attraktiv noch lukrativ. Also wird sie auch nur scheinbar praktiziert. Das sichtbare Problem Silodenken hat also tieferliegende Ursachen.
Lösungen zweiter statt erster Ordnung finden
Viele Projektverantwortliche sind pragmatische Macher. Sie wollen erkannte Probleme möglichst schnell lösen; das wird von ihnen auch erwartet. In Transformationsprojekten führt dies jedoch oft dazu, dass nur die Symptome behandelt werden und die eigentlichen Problemursachen unangetastet bleiben.
In der Organisationsentwicklung unterscheidet man zwischen Lösungen erster und zweiter Ordnung. Lösungen erster Ordnung zielen darauf ab, Probleme innerhalb bestehender Systeme zu beheben. Dazu zählen etwa das Einführen neuer Tools, das Optimieren von (Teil-)Prozessen oder zusätzliche Abstimmungsrunden. Diese Massnahmen können sinnvoll sein, greifen aber oft zu kurz.
Lösungen zweiter Ordnung hingegen hinterfragen das System selbst und suchen nach den tieferliegenden Ursachen von Problemen; mit Fragen wie:
- Welche Annahmen prägen das Handeln?
- Welche Regeln und Anreizsysteme verstärken unerwünschte Effekte?
- Welche kulturellen Muster halten Probleme aufrecht?
Erst wenn diese Fragen beantwortet werden, können nachhaltige Veränderungen entstehen (siehe Tabelle).
Lösungen 1. und 2. Ordnung im Vergleich
Im Kontext von Change- und Transformationsprojekten kann man Lösungen 1. Ordnung als Massnahmen verstehen, die die bestehenden Strukturen, Prozesse oder Verhaltensweisen optimieren, ohne das System grundlegend zu verändern. Lösungen 2. Ordnung hingegen verändern die Logik, Paradigmen, Steuerungsmechanismen oder das Geschäftsmodell selbst.
Dimension
Lösung 1. Ordnung
Lösung 2. Ordnung
Vorzug der Lösung 2. Ordnung
Beispiel
Zielsetzung
Bestehendes verbessern
System neu gestalten
Nachhaltigere Wirkung
Einführung neuer Berichtsformate vs. vollständige Umstellung auf datengetriebene Steuerung
Problemverständnis
Symptome adressieren
Ursachen und Systemdynamiken adressieren
Verhindert Wiederauftreten der Probleme
Zusätzliche Freigabeschritte vs. Beseitigung unnötiger Hierarchieebenen
Organisationsstruktur
Bestehende Rollen optimieren
Rollen und Verantwortlich-keiten neu definieren
Höhere Anpassungsfähigkeit
Effizienztraining für Abteilungen vs. Einführung agiler, cross-funktionaler Teams
Führung
Führungskräfte schulen
Führungsverständnis verändern
Kulturwandel statt Verhaltenskorrektur
Seminar zu Feedback-Techniken vs. Wechsel zu servant leadership
Unternehmenskultur
Gewünschtes Verhalten fördern
Werte und Glaubenssätze verändern
Tiefere Verankerung des Wandels
Kommunikationskampagne vs. Neubestimmung der Unternehmenswerte
Prozesse
Prozesse verschlanken
End-to-End-Prozesse neu denken
Vermeidung lokaler Optimierungen
Digitalisierung von Formularen vs. vollständige Prozessautomatisierung
Technologie
Bestehende Systeme erweitern
Digitale Architektur neu aufbauen
Zukunftsfähigkeit
ERP-Upgrade vs. Cloud-native Plattformstrategie
Geschäftsmodell
Produkte verbessern
Wertschöpfungslogik ändern
Neue Wachstumsfelder
Produktoptimierung vs. Wechsel von Produktverkauf zu Subscription-Modell
Zusammenarbeit
Mehr Meetings oder Abstimmungen
Neue Kollaborations-prinzipien
Höhere Innovations-fähigkeit
Regeltermine einführen vs. Netzwerkorganisation etablieren
Kundenorientierung
Kundenzufriedenheit erhöhen
Kundenbeziehung neu definieren
Differenzierung im Markt
Verbesserte Hotline vs. Aufbau eines Customer-Ecosystems
Innovation
Mehr Innovationsprojekte
Innovationssystem etablieren
Dauerhafte Innovationsfähigkeit
Ideenwettbewerb vs. Innovationsportfolio mit Venture-Ansatz
Lernen
Schulungen anbieten
Lernende Organisation entwickeln
Kontinuierliche Anpassungsfähigkeit
Einzeltrainings vs. systematische Retrospektiven und Wissensnetzwerke
Change Management
Akzeptanz für Veränderungen schaffen
Veränderungsfähigkeit der Organisation erhöhen
Künftige Transformationen werden leichter
Kommunikationskampagne vs. Aufbau einer Change-Kompetenz im Unternehmen
Steuerung
Kennzahlen anpassen
Steuerungslogik verändern
Verhaltensänderung durch neue Anreize
Neue KPIs vs. Umstellung von individueller auf teambezogene Erfolgsmessung
Strategie
Bestehende Strategie optimieren
Strategische Ausrichtung neu definieren
Höhere Resilienz bei Marktumbrüchen
Marktanteil steigern vs. Wechsel in neue Geschäftsfelder
Eine Lösung 1. Ordnung beantwortet die Frage: „Wie können wir das Bestehende besser machen?“
Eine Lösung 2. Ordnung beantwortet die Frage: „Wie müssen wir unser System verändern, damit das Problem nicht mehr entsteht und wir künftig leistungsfähiger sind?“
Quelle: Kraus & Partner, Bruchsal
Unter die Oberfläche schauen und tauchen
Hierfür erneut ein Beispiel: Ein Unternehmen, das unter mangelnder Innovationskraft leidet, kann ein Innovation-Lab gründen. Dies ist eine typische Lösung erster Ordnung. Bei einer Lösung zweiter Ordnung hingegen würde zunächst untersucht, was die Ursachen der geringen Innovationskraft sind. Also, ob es beispielsweise daran liegt, dass
- ein Denken «out of the box» im Unternehmen real kaum erwünscht ist und
- Fehler bzw. Fehlversuche in ihm sogar sanktioniert werden.
Denn wenn die Mitarbeitenden Angst haben, das Gewohnte laut zu hinterfragen und Fehler zu begehen, bleibt Innovation immer schwierig – unabhängig davon, wie viele Innovation-Labs existieren.
Nachhaltig werden Veränderungen in Unternehmen meist erst, wenn man sich auch mit den in der Organisation bestehenden, die Kultur prägenden (individuellen und kollektiven) Glaubenssätzen, Ängsten sowie (informellen) Regeln befasst. Das ist oft heikel, denn hierbei werden auch die bestehenden Machtstrukturen und Routinen hinterfragt. Deshalb sind Konflikte nahezu unvermeidlich. Dennoch liegt gerade hierin der Schlüssel zu nachhaltiger Veränderung.
Geduld ist entscheidend, Fehler gehören dazu
Transformationsprojekte und -prozesse verlaufen selten geradlinig und wie vorab geplant. Sie sind vielmehr geprägt von Rückschlägen, Unsicherheiten und nötigen Anpassungen. Die Projekte starten mit klaren Zielen, stossen auf Widerstände, verlieren an Dynamik und müssen neu ausgerichtet werden. Ein solcher Verlauf ist normal; in ihm spiegelt sich die Komplexität solcher Prozesse und Vorhaben wider.
Ein zentraler Erfolgsfaktor in solchen Projekten ist Geduld, denn: Kulturelle Veränderungen benötigen Zeit, da sie mit Lernprozessen verbunden sind. Die Organisation selbst und die Mitarbeitenden – top-down – in ihr müssen neue Denk- und Verhaltensweisen entwickeln und erproben. Dabei sind Fehler unvermeidlich. Entscheidend ist, wie mit ihnen umgegangen wird. Werden sie als Lernchance genutzt, fördern sie die Entwicklung. Werden sie hingegen sanktioniert und (deshalb) vertuscht, behindern sie diese.
Geschichten erzählen, die Zuversicht vermitteln
Oft scheitern Transformationsprojekte auch an der Art ihrer Kommunikation. Zumeist besteht deren Basis aus
- Strategiepapieren,
- Roadmaps,
- Kennzahlen und
- PowerPoint-Präsentationen.
Diese Tools sind wichtig, doch sie reichen nicht. Denn Menschen inspirieren und motivieren in der Regel nicht Zahlen und Konzepte, sondern Geschichten; Geschichten darüber,
- wie die Organisation bzw. ihre (Zusammen-)Arbeit nach dem Change konkret aussehen könnte,
- welche Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin auftreten können,
- wie andere Personen/Organisationen diese überwunden haben,
- warum sich der Einsatz für sie/die Organisation lohnt.
Geschichten, die keine unrealistischen Versprechen geben, jedoch Zuversicht vermitteln und deren Kernbotschaft nicht lautet «Alles wird einfach», sondern: «Es wird schwierig – doch wir schaffen es, wenn …»; Geschichten also, die Realismus mit Hoffnung verbinden und deshalb Vertrauen und Energie erzeugen.
Ein «Tiefseetauchen» lohnt sich
Die Praxis zeigt: Transformationen scheitern selten an mangelnder Kompetenz oder fehlenden Konzepten. Sie scheitern daran, dass Organisationen ihre eigenen Muster unterschätzen. Wer nachhaltige Veränderungen erreichen möchte, muss auch unter die Oberfläche schauen und bereit sein, unbequeme Fragen zu stellen und Unsicherheit auszuhalten.
Transformationen sind kein linearer Prozess mit garantiertem Erfolg. Sie sind Lern- und Entwicklungsprozesse, die Geduld und eine ausgeprägte Reflexionsfähigkeit erfordern. Doch genau in diesem Tiefer-Schauen und -Gehen liegt die Chance, nachhaltige Veränderungen zu bewirken, die zur gewünschten Entwicklung und zum angestrebten Erfolg führen.
Zum Autor:
Prof. Dr. Georg Kraus ist Inhaber der Change- und Transformationsberatung Kraus & Partner, Bruchsal. Der Diplom- Wirtschaftsingenieur hat eine Professur an der Technischen Universität Clausthal und ist Lehrbeauftragter an der Universität Karlsruhe und der IAE in Aix-en-Provence. Er ist u.a. Autor des im Februar 2026 erschienenen Buchs «Unter die Oberfläche: Geschichten über das, was Unternehmen wirklich verändert».
Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf m-q.ch - https://www.m-q.ch/de/transformationen-erfordern-loesungen-zweiter-ordnung/
