AXA-Studie: Schweizer KMU trotzen Unsicherheit – aber USA verlieren an Ansehen
Trotz steigender Kosten, hartnäckigem Personalmangel und globalen Verwerfungen blicken 86 Prozent der Schweizer KMU zuversichtlich in die Zukunft. Die neuste KMU-Arbeitsmarktstudie der AXA zeigt aber auch: Das Vertrauen in die USA als Wirtschafts- und Innovationsstandort schwindet – und psychisch bedingte Fehlzeiten nehmen zu.

Handelspolitische Turbulenzen, rasante KI-Entwicklungen, ein angespannter Arbeitsmarkt und wachsende Abhängigkeiten von ausländischen Partnern – die Herausforderungen für Schweizer KMU sind vielfältig. Und dennoch: Beeindruckende 86 Prozent der befragten Unternehmen halten es für wahrscheinlich, dass ihr Betrieb auch in zehn Jahren noch existieren wird. Das zeigt die AXA KMU-Arbeitsmarktstudie 2026, die vom Forschungsinstitut Sotomo im Auftrag der AXA realisiert wurde. Für die vorliegende Ausgabe wurden zwischen dem 11. und 18. März 2026 insgesamt 336 KMU aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz befragt.
«Trotz der wachsenden Instabilität in der Weltwirtschaft, der internationalen Sicherheit und dem digitalen Wandel fühlen sich die KMU in ihrem Kern widerstandsfähig. Diese Resilienz deutet auch darauf hin, dass die Unternehmen grosses Vertrauen in die langfristige Stabilität des Schweizer Wirtschaftsstandortes haben, selbst wenn das unmittelbare Umfeld volatiler wird», sagt Reinhard Schmid, Leiter Unternehmenskunden bei der AXA Schweiz.
Steigende Kosten als grösster Belastungsfaktor
Die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt: 43 Prozent der KMU beurteilen die Lage in ihrer Branche als unsicher. Als grössten Stressfaktor nennen 65 Prozent der befragten Unternehmen steigende Kosten – weit vor dem zunehmenden Konkurrenzdruck in der Schweiz (29 %) und der abnehmenden Kundenloyalität (26 %). Für international vernetzte Betriebe kommen der zunehmende Konkurrenzdruck aus dem Ausland (33 %), die Abhängigkeit von anderen Ländern (28 %) sowie Wechselkursrisiken (27 %) erschwerend hinzu.
Mindestens drei Viertel der KMU haben in den letzten zwei Jahren proaktiv Massnahmen ergriffen, um wirtschaftlichen Schwankungen zu begegnen. Besonders international ausgerichtete Betriebe setzen auf eine strategische Diversifizierung ihres Angebots (39 %), ihrer Absatzmärkte (26 %) und ihrer Lieferketten (24 %) oder haben ihre Lagerhaltung (22 %) ausgebaut. Binnenorientierte Betriebe haben solche Massnahmen deutlich seltener ergriffen.
USA verlieren – Schweiz und China gewinnen
Besonders auffällig ist die veränderte Wahrnehmung globaler Kräfteverhältnisse. 44 Prozent der KMU erwarten, dass der Wirtschaftsstandort Schweiz in den nächsten fünf Jahren an Bedeutung gewinnt – ebenso viele prognostizieren dies für China. Bei den USA gehen hingegen nur 19 Prozent von mehr Einfluss aus, während fast ein Drittel einen Bedeutungsverlust erwartet.

Noch deutlicher fällt das Urteil bei der Innovationskraft aus: Die Schweiz wird von 63 Prozent der KMU als innovationsstark für die eigene Branche bewertet, China von 45 Prozent. Die USA fallen dagegen mit nur 31 Prozent stark ab. «Ein Grund könnte darin liegen, dass hiesige KMU in Nischen tätig sind, in denen die USA grundsätzlich weniger innovationstreibend sind. Möglicherweise hat aber auch das Vertrauen in die Innovationskraft der USA unter den Turbulenzen der US-Politik der letzten Jahre gelitten», erklärt Michael Hermann, Geschäftsführer von Sotomo.
Gleichzeitig bereitet eine Mehrheit der KMU (57 %) die Abhängigkeit von IT-Lösungen aus den USA Sorgen. Das Loslösen fällt jedoch schwer: Während 13 Prozent bereits auf europäische Alternativen umgestiegen sind und weitere 15 Prozent eine Umstellung planen, hat die grösste Gruppe (29 %) trotz bestehender Bedenken noch keine Massnahmen ergriffen.
Arbeitskräftemangel: Produktion unter besonderem Druck
41 Prozent der KMU nennen den Arbeitskräftemangel weiterhin als grösste Herausforderung. Dabei öffnet sich zwischen den Sektoren eine Schere: Im produzierenden Gewerbe ist der Anteil der Betriebe mit Rekrutierungsproblemen seit 2022 von 45 auf 65 Prozent gestiegen, während er im Dienstleistungssektor stabil geblieben ist. Der Grund: In der Produktion fehlt es schlicht an Bewerbenden – die Hälfte der Betriebe erhält zu wenige oder gar keine Bewerbungen. Im Dienstleistungssektor mangelt es dagegen vor allem an den passenden Qualifikationen. «Offenbar leidet die Produktionsbranche nicht nur unter einem Fachkräfteproblem, sondern unter einem allgemeinen Arbeitskräftemangel», fasst Reinhard Schmid zusammen.
Bemerkenswert ist dies vor dem Hintergrund der steigenden Arbeitslosigkeit: Die Quote kletterte seit dem Tiefstand von 1,9 Prozent im Juni 2023 bis März 2026 auf 3,1 Prozent. Doch ungeachtet der wachsenden Zahl an Stellensuchenden empfindet weiterhin ein Drittel der KMU den Rekrutierungsprozess als zunehmend schwierig, während vier von zehn Unternehmen gar keine Veränderung wahrnehmen.
Lehre statt Studium: KMU setzen auf Praxiserfahrung
Die Studie stellt auch die Frage, ob sich Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt auseinander bewegen. Ein Drittel der Betriebe will in den nächsten fünf Jahren eher weniger Akademiker:innen einstellen, während nur 15 Prozent eine Aufstockung planen. 63 Prozent der KMU würden Schulabgängerinnen und -abgängern heute eher eine Berufslehre als ein Studium empfehlen. Für gut zwei Drittel der Unternehmen ist ein Hochschulabschluss zudem keine Voraussetzung für eine Führungsposition – im produzierenden Gewerbe sehen dies sogar 79 Prozent so. «Vor dem Hintergrund der steigenden Studienabschlüsse stellt sich somit die Frage, ob sich in der Schweiz eine Kluft zwischen den Qualifikationen der Arbeitssuchenden und der betrieblichen Nachfrage öffnet», sagt Michael Hermann.

KI als Effizienzwerkzeug – keine disruptive Kraft
Nach dem grossen Adoptionssprung im Vorjahr hat sich die KI-Nutzung in Schweizer KMU stabilisiert: 74 Prozent erproben oder nutzen KI bewusst, 26 Prozent verzichten weiterhin darauf. Die häufigsten Einsatzbereiche sind Übersetzungen (47 %), Korrespondenz (42 %) und Werbetexte (35 %). Die stärksten Zuwächse verzeichnen jedoch fortgeschrittenere Anwendungen wie Prozessoptimierung (35 %, 2024: 23 %) und Datenanalysen (34 %, 2024: 22 %).
Dennoch gehen nur 12 Prozent der KMU davon aus, durch KI künftig Personal abbauen zu können. 41 Prozent sehen die Fortschritte in der KI als Chance, nur 15 Prozent als Bedrohung. Knapp zwei Drittel sehen keinen Bedarf, ihr Geschäftsmodell wegen KI anzupassen. KI bleibt aus Sicht der Mehrheit der Schweizer KMU ein Effizienzwerkzeug – keine disruptive Kraft.
Psychische Fehlzeiten steigen – Massnahmen stagnieren
Im Bereich Führung und Gesundheit zeigt die Studie ein widersprüchliches Bild. Das wichtigste Führungsprinzip in Schweizer KMU ist Freiheit und Eigenverantwortung (50 %), gefolgt von gemeinsamen Visionen und Werten (33 %) sowie einem empathischen, unterstützenden Führungsstil (24 %). Gleichzeitig bleibt die Entscheidungsmacht in vier von fünf Betrieben bei einer Führungsperson oder einem Leitungsteam.
Die psychische Gesundheit der Belegschaft entwickelt sich unterdessen zur drängenden Herausforderung. Vier von zehn KMU (42 %) berichten von gestiegenen Personalausfallkosten in den letzten fünf Jahren, bei grossen KMU sind es sogar 62 Prozent. Gut ein Drittel der Betriebe ist mittelmässig oder stark von Ausfällen betroffen, die auf die mentale Verfassung der Mitarbeitenden zurückzuführen sind – ein Anstieg von zehn Prozentpunkten gegenüber 2023. Unternehmen, die auf Eigenverantwortung setzen, berichten deutlich seltener von solchen Ausfällen (27 %) als Betriebe ohne dieses Leitprinzip (43 %).
Trotz des Wissens um die Bedeutung von Führung für die mentale Gesundheit – 66 Prozent der KMU sehen Führungskräfte als entscheidend für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden – stagnieren die konkreten Gegenmassnahmen. Der Anteil der KMU, die auf eine offene Feedbackkultur setzen, ist seit 2023 von 35 auf 28 Prozent gesunken. Jeder vierte Betrieb ergreift überhaupt keine spezifischen Massnahmen gegen psychisch bedingte Fehlzeiten. Zwischen erkannter Relevanz und betrieblicher Umsetzung klafft eine deutliche Lücke.
Quelle: www.axa.ch
