Wenn KI ihre eigenen Grundlagen frisst

Tech-Konzerne streichen Tausende Stellen, um KI-Investitionen zu finanzieren – und gefährden damit genau jene Kompetenzen, die für einen verlässlichen KI-Einsatz notwendig sind. Suvish Viswanathan, Regional Director DACH bei Zoho, ordnet die Entlassungswelle kritisch ein und zeigt, warum langfristiges Denken entscheidend ist.

Suvish Viswanathan (Zoho) warnt vor risikoreichen KI-Entlassungen. Quelle: zvg

Weltweit streichen Tech-Konzerne derzeit Tausende Stellen – allein im ersten Quartal 2026 waren es fast 80’000. Oft wird der Schritt mit notwendigen Investitionen in Künstliche Intelligenz begründet. Die zugrunde liegende Annahme: KI steigere kurzfristig die Produktivität und senke Kosten. Doch genau dieser Zusammenhang ist bislang kaum belegt. Wer gleichzeitig Know-how abbaut, riskiert, genau jene Kompetenzen zu verlieren, die für den produktiven Einsatz der Technologie notwendig sind.

Der finanzielle Effekt wird überschätzt

Viele Organisationen behandeln KI derzeit wie eine Investition mit schneller Amortisation. Dahinter steht die Erwartung, dass agentische Systeme Workloads rasch übernehmen und dadurch unmittelbar Kosten senken. Gartner zeichnet jedoch ein anderes Bild: Eine Umfrage unter 350 Führungskräften, deren Teams bereits KI-Agenten, intelligente Automatisierung oder autonome Systeme nutzen, zeigt, dass vier von fünf Unternehmen Personal abgebaut haben – doch für den ROI macht das keinen Unterschied. Die Daten legen nahe, dass die Rendite von KI nicht durch den Abbau von Stellen entsteht, sondern durch die Fähigkeit der Organisation, Menschen und autonome Systeme wirksam zusammenarbeiten zu lassen. Unternehmen, die besser performen, investieren stärker in Qualifikation und Betriebsmodelle, die Menschen befähigen, autonome Systeme zu steuern und zu skalieren.

Kompetenzen verschwinden, bevor neue Prozesse laufen

Das zentrale Risiko bei einem finanziell motivierten Stellenabbau ist operativer Natur: Unternehmen verlieren Kompetenzen, bevor neue Strukturen tatsächlich funktionieren. Gerade KI-Einführungen brauchen Menschen, die Anforderungen präzisieren, Datenflüsse verstehen, Grenzfälle bewerten und Verantwortung für Qualität übernehmen. Tiefgreifendes Wissen über Prozesse, Ausnahmen, Kundenanforderungen und Risiken steckt selten vollständig in Dokumentationen. Die Basis dafür bilden Menschen mit langjähriger Erfahrung, Routinen und der Fähigkeit, Signale früh zu deuten. Wer KI einführen will, sollte daher Budgets für Umschulungen einplanen, um Mitarbeitende für neue Rollen auszubilden und Talente zu fördern.

Wissen im Unternehmen halten zahlt sich aus

Das gilt insbesondere mit Blick auf die sogenannte Copilot Economy: Dabei wird generative KI vom blossen Tool zum intelligenten, eigenständig agierenden Copiloten, der sich nahtlos in geschäftliche Arbeitsabläufe integriert. Wenn menschliches Urteilsvermögen und maschinelle Fähigkeiten zusammenwirken, rücken die angestrebten Effizienzsteigerungen in greifbare Nähe. Voraussetzung dafür ist die Verbindung bestehender Fachkompetenz mit praktischer KI-Anwendung – vor allem in konkreten Bereichen wie Finanzen, HR oder Engineering. Weiterbildungsprogramme, die Praxiserfahrung in spezifischen Anwendungsfeldern vermitteln und zu anerkannten Zertifizierungen führen, bereiten Belegschaften besser auf die neuen Anforderungen vor als breite, unspezifische KI-Schulungen.

KI-Transformation braucht eine Talentstrategie

Wer Kompetenzen abbaut, um Technologie zu finanzieren, sägt an dem Ast, auf dem erfolgreiche KI-Einführungen sitzen. Die Entlassungswellen der vergangenen Monate folgen dieser Logik und riskieren damit genau das, was sie eigentlich ermöglichen sollen. Klare Betriebsmodelle sind die Voraussetzung dafür, dass autonome Systeme sicher, nachvollziehbar und skalierbar funktionieren. Mindestens ebenso entscheidend ist die kontinuierliche Investition in Menschen. Unternehmen mit langfristiger Perspektive – wie inhabergeführte Häuser, die nicht quartalsweise optimieren – tun sich dabei leichter. Sie können Weiterbildung, Zertifizierungen und Hochschulpartnerschaften als strategische Konstante behandeln, nicht als Sparposten. KI wird in den kommenden Jahren noch tiefer in Rollen und Entscheidungsprozesse eindringen, als viele heute kalkulieren. Entscheidend ist die Umsetzungskompetenz: Unternehmen, die ihre Wissensbasis gehalten und gezielt ausgebaut haben, schaffen die Grundlage für Systeme, die verlässlich liefern und den ROI rechtfertigen, den viele bereits einpreisen.


Über den Autor: Suvish Viswanathan ist Regional Director DACH bei Zoho und beobachtet die Entwicklung aus einer im Tech-Umfeld ungewöhnlich langfristig geprägten Unternehmensperspektive. Zoho ist seit drei Jahrzehnten inhabergeführt, ohne Risikokapital gewachsen und entwickelt seine Produkte selbst. Trotz zahlreicher Marktumbrüche verzeichnet das Unternehmen in seiner 30-jährigen Geschichte bislang keinen betriebsbedingten Stellenabbau.

Weitere Informationen: www.zoho.com/de

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