KI-Chatbots ersetzen Menüs und Masken

Die IT-Welt steht vor einem grundlegenden Paradigmenwechsel: Herkömmliche Benutzeroberflächen werden zunehmend durch KI-gestützte Dialogsysteme ergänzt und ersetzt. Die Timetoact Group gestaltet diesen Wandel in mehreren Projekten aktiv mit – und sieht darin erhebliche Vorteile für Unternehmen und öffentliche Verwaltungen.

Heinz-Peter Steiner zur Effizienzsteigerung durch KI-Bots. Quelle: zvg

Die Bedienung komplexer Software erfolgt künftig nicht mehr primär über Menüs, Formulare und fest definierte Oberflächen, sondern über natürliche Sprache. Diese Einschätzung vertritt die IT-Dienstleistungsgruppe Timetoact Group, die diesen Wandel derzeit in mehreren Projekten für Unternehmen und öffentliche Verwaltungen mitgestaltet.

Heinz-Peter Steiner, Leiter Öffentlicher Sektor bei der Timetoact Group, spricht von einem «Aufbrechen der bisherigen Bindung zwischen Benutzerschnittstelle und Kernsystemen»: «Heute erleben wir, dass das User Interface zunehmend durch KI-Chatbots ergänzt oder ersetzt wird. Diese sind über Schnittstellen mit den Kernsystemen verbunden, die weiterhin stabil im Hintergrund laufen. Die Funktionalität bleibt erhalten, während sich die Art der Bedienung grundlegend verändert.»

Steiner ordnet diese Entwicklung als grundlegende Entkopplung ein, wie sie die IT bereits mehrfach erlebt hat – vergleichbar mit der Loslösung der Software von der Hardware durch PCs in den 1980er-Jahren, der Entkopplung des Internets von einzelnen Endgeräten in den 1990ern und dem Übergang von lokal installierter Software hin zu Cloud-Plattformen ab den 2000er-Jahren.

Deutliche Effizienz- und Produktivitätssteigerungen

Nach Projekterfahrungen der Timetoact Group führt der Einsatz von KI-Bots als Benutzeroberfläche zu deutlichen Effizienz- und Produktivitätssteigerungen. Steiner erklärt: «In allen grossen Organisationen steckt ganz viel Wissen in den Backend-Systemen, das mit herkömmlichen Methoden kaum mit vernünftigem Aufwand zu extrahieren ist.» Die bisherige «Enterprise Search» führe häufig zu einer Ergebnisflut von Hunderten Dokumenten, die manuell durchgesehen werden müssten. Ein KI-Chatbot hingegen extrahiere die relevanten Fakten und Textpassagen direkt – und schaffe damit die Grundlage für schnellere und bessere Entscheidungen.

Als weiteren Vorteil nennt Steiner die deutlich kürzere Lernkurve: Anders als bei herkömmlichen Masken-Menü-Strukturen können Anwender:innen einen KI-Chatbot häufig nahezu ohne Schulung nutzen. Zudem kommuniziert die KI mühelos in allen gängigen Sprachen – ein Vorteil etwa in Krankenhäusern oder der Pflege, wo internationales Personal mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen eingesetzt wird.

Um sogenannte «Halluzinationen» – also überzeugend formulierte, aber falsche Angaben – zu vermeiden, setzt die Timetoact Group in ihren Projekten auf RAG-Verfahren (Retrieval Augmented Generation). Dieses stellt sicher, dass sich die KI ausschliesslich auf zuvor als verlässlich klassifizierte Datenquellen stützt. Ergibt sich daraus keine schlüssige Antwort, teilt das System dies mit – anstatt Antworten zu halluzinieren.

KI als Universaloberfläche

Steiner beschreibt den Paradigmenwechsel so: Ein KI-Chatbot kann als eine Art «Universaloberfläche» für einzelne Kernsysteme ebenso wie über mehrere Backend-Systeme hinweg dienen. Dadurch rückt die tatsächliche Funktionalität stärker in den Mittelpunkt, während die Oberfläche eines bestimmten Herstellers an Bedeutung verliert. «Bislang wurden Millionen Anwenderinnen und Anwender auf Standardsoftware mit bestimmten Oberflächen und Bedienlogiken geschult. Jede Veränderung führte zu hohem Schulungsaufwand und Produktivitätsverlusten», erklärt Steiner. Die Infragestellung der Geschäftsmodelle herkömmlicher Softwarehersteller wie SAP, Microsoft oder Oracle bezeichnet er als «berechtigt» und zitiert SAP-Chef Christian Klein: «KI zwingt uns, grundlegend neu zu denken, wie Unternehmen in Zukunft arbeiten werden.»

Erhebliche Vorteile für die öffentliche Hand

Besonders für öffentliche Verwaltungen mit hoheitlichen Aufgaben und knappen Budgets sieht Steiner erhebliche Vorteile. Die Verlagerung der Benutzeroberfläche hin zu KI-Chatbots dränge die Abhängigkeit von den Herstellern der Backend-Systeme massiv zurück – mit konkreten Auswirkungen auf Lizenzkosten und digitale Souveränität. Schätzungen zufolge geben Bund, Länder und Kommunen zusammen rund drei bis sechs Milliarden Euro jährlich für Softwarelizenzen aus. «Der Grossteil fliesst in die Taschen von US-Konzernen, deren Preispolitik Deutschland im Grunde hilflos ausgeliefert ist», so Steiner. Verschärft werde dies dadurch, dass viele US-Hersteller ihre Lösungen eng mit eigenen Cloud-Plattformen verknüpfen – was im Spannungsfeld zu Datenhoheit, Datenschutz und digitaler Souveränität stehe.

«KI-Oberflächen können ein wichtiger Schritt sein, um Abhängigkeiten von einzelnen Softwareherstellern zu verringern, Lizenzkosten besser zu steuern und die digitale Souveränität zu stärken», erklärt Steiner. Durch die Trennung von Benutzeroberfläche und Kernsystemen würden die Programme im Backend austauschbar. «Diese Entwicklung wird nicht über Nacht geschehen, aber sie wird auch nicht Jahrzehnte dauern», ordnet er den anstehenden Paradigmenwechsel ein.

Weitere Informationen: https://timetoact-group.com/

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