Wie Digitale Souveränität und Enterprise Architecture zusammenhängen

Am 11. Juni 2026 fand in Zürich der Swiss EA Connect Day statt, gemeinsam veranstaltet vom Software-Unternehmen BOC Group und dem IT-Dienstleister adesso. Die Tagung stand ganz im Zeichen des aktuellen Buzz-Words «Digitale Souveränität».

Podiumsdiskussion am Swiss EA Connect Day 2026 (v.l.n.r.): Evangelos Avramakis, Aiko Frank, Hélène Mourgue d’Algue, Syrian Hadad und Matthias Stürmer. (Bild: Thomas Berner)

Um das Thema Digitale Souveränität kommt heute wohl kein Unternehmen mehr herum: Wo liegen die kritischen Daten? Welche Systeme sind relevant für das Geschäft? Wo bestehen die grössten Abhängigkeiten bei Plattformen und IT-Dienstleistern? Genau unter diesen Aspekten muss man heute Unternehmensarchitekturen (Enterprise Architectures, EA) betrachten, so ein vorgezogenes Fazit des Anlasses.

Digitale Souveränität erreicht breite Aufmerksamkeit

Eine Einordnung aus wissenschaftlicher Sicht machte zunächst Prof. Dr. Matthias Stürmer von der Berner Fachhochschule BFH. Er ist aktuell wohl der Meinungsführer, wenn es um das Thema der digitalen Souveränität geht, das inzwischen nicht nur die technische, sondern auch die politische Diskussion erreicht hat. Stürmer wies darauf hin, dass Vendor-Lock-In grundsätzlich nichts Neues ist und sich nicht nur auf die IT reduzieren lässt. Stetige Preiserhöhungen und der US-amerikanische Cloud Act mit der «Kill Switch» als Damoklesschwert haben aber das Vertrauen in die grossen Tech-Konzerne erschüttert. Deshalb liege eine Alternative in der Nutzung von Open Source Software. Eine Umstellung benötige zwar hohe Anfangsinvestitionen, sei längerfristig aber gemessen an den geringen Lizenzkosten attraktiv, wie Stürmer anhand des Beispiels des Bundeslands Schleswig-Holstein ausführte. Dieses stellt derzeit seine gesamte Informatik auf Open Source Software um. In der Schweiz sei für solche Bestrebungen aber «noch nicht viel Substanz» erkennbar, so Stürmer weiter. Allerdings zeigen jüngste politische Vorstösse, etwa im Ständerat, dass die Dringlichkeit erkannt worden ist.

Prof. Dr. Matthias Stürmer bei seinem Vortrag. (Bild: Thomas Berner)

Operativ autark – aber nicht zwingend digital souverän

Doch wie sieht digitale Souveränität in der unternehmerischen Praxis aus? Hierzu lieferten Aiko Frank und Tim Lehrig vom Milchprodukte-Hersteller Emmi einen Einblick. Als zentrale Herausforderung erweist sich die täglich saubere und rasche Verarbeitung des Frischprodukts Milch. Jede Störung in den Verarbeitungsprozessen wirkt sich sofort kritisch aus, was schlimmstenfalls zu langen Produktionsunterbrüchen oder der Vernichtung ganzer Chargen führen kann. Entsprechend muss die betriebliche Infrastruktur redundant aufgebaut sein. So ist z.B. jeder Verarbeitungsstandort von Emmi autonom unterwegs, einschliesslich eigener Rechenzentren. Auf Cloud-Applikationen wird verzichtet. Die Vielzahl an IT- und OT-Applikationen benötigt bei Emmi eine spezifische Verwaltung (im konkreten Fall durch die Softwarelösung ADOIT und ein Service-Management von ServiceNow). Darin werden die Applikationen nach Verfügbarkeit, Vertraulichkeit und Kritikalität beurteilt. Eine transparente Übersicht des unternehmensweiten Anwendungsportfolios führten die beiden Referenten denn auch als wichtigste Voraussetzung für die Steuerung der digitalen Souveränität ins Feld.

Aiko Frank, Enterprise Architect bei Emmi, erläutert wichtige Punkte eines Applikationsportfolios. (Bild: Thomas Berner)

Eigene Applikations-Landschaft kennen

Diese Sicht wurde auch seitens der IT-Beratung und Software-Herstellung, vertreten durch Matthew Turnbull (adesso) und Felix Meentken (BOC Group), geteilt. Transparenz, Resilienz und Compliance sind die verbindenden Elemente einer Enterprise Architektur. Indes: «Digitale Souveränität ist fakultativ», so Matthew Turnbull. Was man souverän halten möchte, muss man selbst wählen. Ein gut ausgebautes Enterprise Architecture Management (EAM) schafft die Grundlagen für die Steuerbarkeit von digitaler Souveränität. Felix Meentken zeigte dies anhand von ADOIT, einem Produkt der BOC Group. Dort kann bei jeder Applikation der Souveränitätsbedarf sichtbar gemacht werden: Wo wird die Software hergestellt? Wo befindet sich das Hosting? Sind persönliche Daten involviert oder nicht? Wie steht es um die Exit-Fähigkeit? Ein solcher «EA-Check» stehe am Anfang jeder Diskussion über die Umsetzung von digitaler Souveränität in einem Unternehmen, so die beiden Referenten.

EAM: Entscheidende Rolle

Die abschliessende Podiumsdiskussion führte diese Argumentation weiter. «Digitale Souveränität ohne EAM gibt es nicht», so die einhellige Meinung. Dass EAM kein einmaliges Projekt sein kann, machte Podiums-Teilnehmer Evangelos Avramakis von der Swiss Re angesichts der rasanten technologischen Entwicklung deutlich. «Unser EAM läuft auf Hochbetrieb», sagte auch Hélène Mourgue d’Algue, IT-Verantwortliche bei der Stadt Biel, die in Sachen digitale Souveränität schon sehr viel unternimmt. Allerdings bedeutet dies beispielsweise nicht, dass man komplett auf Microsoft verzichten kann. Einige Funktionalitäten von Microsoft 365 bleiben nach wie vor unverzichtbar. Gleichwohl appellierte Evangelos Avramakis an die Innovationsfähigkeit von Unternehmen: In der Anbindung von Open Source Software an Large Language Models liege sehr viel Potenzial. Insgesamt zeigte die Diskussion – und der gesamte Anlass – die Bedeutung von Unternehmensarchitekturen auf dem Weg zu mehr digitaler Souveränität auf. Digital souverän können Organisationen erst dann werden, wenn sie ihre eigenen IT- und Datenlandschaften von Grund auf kennen – und deren Abhängigkeiten.

Weitere Informationen zum vergangenen Anlass: https://www.boc-group.com/de/swiss-ea-connect-day-2026/

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf m-q.ch - https://www.m-q.ch/de/wie-digitale-souveraenitaet-und-enterprise-architecture-zusammenhaengen/

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