EY-Studie: Geopolitische Risiken Schweiz – Lücken bei der Vorbereitung
Mehr als die Hälfte der Schweizer Unternehmen verzeichnet negative Auswirkungen auf Umsatz und Absatz. Eine aktuelle EY-Studie zeigt, wie gross die Lücke zwischen Risikobeobachtung und systematischer Vorbereitung tatsächlich ist.
Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte, Sanktionen und regulatorische Veränderungen sind für Schweizer Unternehmen längst nicht mehr nur abstrakte Bedrohungen. Sie wirken sich zunehmend unmittelbar auf Geschäftstätigkeit, Wachstum und strategische Entscheidungen aus – und die Frage nach geopolitischen Risiken Schweiz ist damit zur Chefsache geworden. Gleichzeitig zeigt der aktuelle 2026 EY Geostrategy in Practice Survey of Swiss Companies eine erhebliche Lücke zwischen der Beobachtung politischer Risiken und der Fähigkeit von Unternehmen, sich systematisch auf deren Eintreten vorzubereiten. Für die Studie wurden im Juli und August 2026 insgesamt 244 Führungskräfte und Entscheidungsträger:innen aus in der Schweiz tätigen Unternehmen unterschiedlicher Grösse und Branchen befragt.
Überwachung ja – systematische Steuerung nein
Die grosse Mehrheit der befragten Unternehmen beschäftigt sich mit der Identifikation und Überwachung politischer Risiken. 73 Prozent überwachen und beurteilen politische Risiken und deren Eintrittswahrscheinlichkeit zumindest punktuell, 48 Prozent tun dies regelmässig und proaktiv. Zudem beziehen 72 Prozent Erkenntnisse aus internen und externen Quellen, zwei Drittel (66 Prozent) sammeln sowohl qualitative als auch quantitative Daten. Auch die Gesamtauswirkungen auf das Geschäft werden breit analysiert: 81 Prozent der Unternehmen bewerten diese zumindest punktuell.
Bei detaillierterer Betrachtung nimmt der Anteil jedoch ab. Von den 59 Prozent, die die erwarteten Auswirkungen auf einzelne Geschäftsbereiche quantifizieren, tun dies lediglich 32 Prozent regelmässig und proaktiv. Noch deutlicher zeigt sich die Lücke bei der konkreten Risikosteuerung: Zwar führen knapp sechs von zehn Unternehmen (59 Prozent) Szenarioanalysen durch, systematisch und vorausschauend tun dies jedoch nur rund drei von zehn (30 Prozent). Die übrigen 29 Prozent führen Szenarioanalysen lediglich ad hoc und reaktiv durch. Noch seltener werden Stresstests (25 Prozent), triggerbasierte Notfallmassnahmen (18 Prozent) oder Tabletop-Simulationen (16 Prozent) regelmässig und proaktiv eingesetzt.
Famke Krumbmüller, Partner und EY Geostrategy Europe Leader, kommentiert die Ergebnisse: «Geopolitische Risiken sind für Schweizer Unternehmen zu einem konkreten Geschäftsfaktor geworden. Die grosse Mehrheit beobachtet die Entwicklungen und versucht, deren Folgen einzuschätzen. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass zwischen dem Erkennen eines Risikos und der systematischen Vorbereitung auf dessen Eintreten noch eine erhebliche Lücke besteht – eine Tendenz, die wir auch in anderen Ländern beobachten. Gerade in einem zunehmend volatilen Umfeld reicht es nicht mehr aus, Entwicklungen lediglich zu beobachten. Unternehmen müssen in der Lage sein, unterschiedliche Szenarien durchzuspielen, Implikationen klar zu erkennen, und daraus frühzeitig konkrete Handlungsoptionen abzuleiten.»
Fehlende Zuständigkeiten bremsen geostrategische Kompetenz
Auch bei der organisatorischen Verankerung von Geostrategie zeigt sich Nachholbedarf. Nur 22 Prozent der befragten Unternehmen haben die Verantwortung für geostrategische Themen systematisch und vorausschauend einer bestimmten Person, Funktion oder einem funktionsübergreifenden Team zugewiesen. Die Hälfte (50 Prozent) identifiziert die relevanten Rollen nicht und rekrutiert keine Personen mit entsprechendem geostrategischem Hintergrundwissen.
Die Schwierigkeit, geopolitische Entwicklungen vorherzusehen, spiegelt sich auch in den Erfahrungen der vergangenen zwölf Monate wider: 42 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass mindestens 40 Prozent der politischen Risikoereignisse, von denen sie betroffen waren, unerwartet waren. Krumbmüller dazu: «Die hohe Zahl unerwarteter Ereignisse unterstreicht, wie schwierig es geworden ist, geopolitische Entwicklungen mit klassischen Risikomanagementansätzen abzubilden. Unternehmen benötigen deshalb nicht nur bessere Informationen, sondern auch Strukturen, die schnelle Entscheidungen und deren Umsetzung ermöglichen. Entscheidend ist nicht, jedes politische Ereignis korrekt vorherzusagen. Entscheidend ist, auf unterschiedliche Entwicklungen vorbereitet zu sein und bei Bedarf rasch reagieren zu können.»
Umsatz, Lieferketten und Wachstum am stärksten betroffen
Die Auswirkungen politischer Risiken zeigen sich bereits deutlich in zentralen Geschäftsbereichen. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen (53 Prozent) berichtet für die vergangenen 24 Monate von negativen Auswirkungen auf Umsatz und Absatz – der höchste Wert aller untersuchten Bereiche. Bei Betriebsabläufen und Lieferketten sind es knapp die Hälfte (49 Prozent). Auch Wachstum und Investitionen sind betroffen: 41 Prozent der Unternehmen berichten von negativen Auswirkungen auf Wachstum, Investitionen oder Transaktionen. Bei Finanzen und Steuern liegt der Anteil bei 28 Prozent, bei Reputation und Compliance bei 24 Prozent sowie bei Technologie, Daten und geistigem Eigentum bei 23 Prozent. Positive Auswirkungen werden deutlich seltener genannt: Bei Umsatz und Absatz berichten 14 Prozent von positiven Effekten, bei Wachstum, Investitionen und Transaktionen sind es acht Prozent.
Die Unternehmen reagieren auf das veränderte Umfeld mit konkreten Anpassungen. Fast die Hälfte (48 Prozent) hat ihr Risikomanagement in den vergangenen 24 Monaten mindestens moderat verändert. Jeweils 45 Prozent haben mindestens moderate Anpassungen bei ihrer Strategie sowie bei Wachstum, Investitionen und Transaktionen vorgenommen. Rund vier von zehn Unternehmen haben auch den Umgang mit Technologie, KI, Daten und geistigem Eigentum (44 Prozent), die Compliance (42 Prozent) sowie ihre Betriebsabläufe und Lieferketten (41 Prozent) angepasst.
Bei den 110 Befragten, die Wachstum, Investitionen oder Transaktionen mindestens moderat angepasst haben, zeigt sich eine vorsichtigere Investitionslogik: 41 Prozent haben die Breite beziehungsweise Zahl ihrer Investitionsmärkte reduziert, während 16 Prozent diese erhöht haben. 37 Prozent berichten von einem gesunkenen Vertrauen beim Eintritt in neue Märkte, 35 Prozent haben ihre Mindestrenditen beziehungsweise Risikoprämien erhöht, und bei ebenfalls 35 Prozent haben sich die Zeiträume für die Genehmigung von Transaktionen verlängert.
Geopolitische Risiken Schweiz verändern KI- und Technologiestrategie
Besonders sichtbar werden die Auswirkungen geopolitischer Risiken auch bei Technologie, KI und Daten. Von den 108 Befragten, die in diesem Bereich mindestens moderate Anpassungen vorgenommen haben, berichtet die Hälfte (50 Prozent), dass ihr Unternehmen die Regeln für KI-Governance, den Einsatz oder die Nutzung von KI nach Markt beziehungsweise Region verändert hat. 43 Prozent haben die Kontrollen für grenzüberschreitende Daten, Technologien oder geistiges Eigentum verstärkt. 30 Prozent setzen verstärkt auf souveräne, lokale oder länderspezifische KI- und Cloud-Lösungen, 29 Prozent haben ihre Abhängigkeit von bestimmten ausländischen Technologieanbietern, Plattformen oder Ökosystemen reduziert, und 27 Prozent haben ihre Daten-, KI- oder Technologieinfrastruktur über verschiedene Rechtsräume hinweg regionalisiert oder lokalisiert.
Famke Krumbmüller fasst die Erkenntnisse zusammen: «Geopolitik verändert zunehmend nicht nur die Risikowahrnehmung, sondern die Art und Weise, wie Unternehmen investieren, Technologie einsetzen und ihre Strategie gestalten. Gerade für international vernetzte Schweizer Unternehmen wird die Fähigkeit, geopolitische Entwicklungen in Geschäftsentscheidungen zu übersetzen, zu einer wichtigen strategischen Kompetenz. Unternehmen, die klare Verantwortlichkeiten schaffen, Szenarien systematisch analysieren und konkrete Handlungsoptionen vorbereiten, können Unsicherheit nicht beseitigen – aber sie können ihre Widerstandsfähigkeit deutlich erhöhen.»
Quelle: https://www.ey.com/ch
