Schweizer Führungsgremien im Wandel: Älter, internationaler und tech-affiner

Der schillingreport 2026 zeigt deutliche Verschiebungen in Schweizer Führungsgremien: Geschäftsleitungsmitglieder werden älter, der Anteil ausländischer Fachkräfte steigt und Verwaltungsräte setzen vermehrt auf Wirtschafts- und Technologiekompetenz. Gleichzeitig stagniert der Frauenanteil nach Erreichen der Geschlechterrichtwerte.

Formal wear, Meeting, White-collar worker
Die Schweizer Wirtschaft steht vor grossen Herausforderungen – das zeigt sich auch in der Zusammensetzung der Führungsgremien. (Quelle: Depositphotos.com)

Die Schweizer Wirtschaft steht vor weitreichenden Herausforderungen: Digitalisierung, technologische Disruption, Dekarbonisierung und demografische Verschiebungen erhöhen den Druck auf die Führungsstrukturen. In der 21. Ausgabe des schillingreport stellt sich die Frage, ob die Veränderungen in Verwaltungsrat und Geschäftsleitung der 100 grössten Arbeitgeber tragfähig genug sind, um diesen Herausforderungen langfristig zu begegnen.

Geschäftsleitungen werden älter

Das Alter der Geschäftsleitungsmitglieder stieg im Durchschnitt seit 2011 von 50 Jahren kontinuierlich auf aktuell 53 Jahre an, das der CEO von 52 Jahren auf 55 Jahre. Besonders auffällig: Auch die neu ernannten Geschäftsleitungsmitglieder sind deutlich älter. Waren sie 2006 beim Eintritt 46 Jahre alt, liegt ihr Eintrittsalter inzwischen bei 50 Jahren – obwohl die Verweildauer mit 6 Jahren unverändert blieb.

«Die Welt ist heute deutlich komplexer als noch vor 20 Jahren, die Kadenz externer Ereignisse nimmt zu. Diese anspruchsvollen Herausforderungen verlangen nach bewährter Führungs- und auch Lebenserfahrung», folgert Guido Schilling, Herausgeber des schillingreport.

Ein vertiefter Blick in die Daten zeigt deutliche Verschiebungen in der Altersstruktur: Der Anteil der Geschäftsleitungsmitglieder, die 50 Jahre oder älter sind, stieg von 49 Prozent in 2006 auf aktuell 72 Prozent. Die über 60-Jährigen entwickelten sich von 5 auf 9 Prozent. Die grösste Gruppe bilden mit 35 Prozent die 55- bis 60-Jährigen, während 2006 die 45- bis 49-Jährigen mit 28 Prozent dominierten. Letztere stellen derzeit nur noch 19 Prozent. Auffällig: 2006 waren 23 Prozent der Geschäftsleitungsmitglieder jünger als 45 Jahre, zurzeit sind es lediglich 9 Prozent.

«Ältere Geschäftsleitungsmitglieder bringen wichtige Erfahrungen ein, doch fehlende Generationenvielfalt kann strategische Blind Spots erzeugen. Für die nächsten zehn Jahre müssen die Nomination Committees die Nachfolgeplanung der Geschäftsleitung aktiv und vorausschauend angehen, um Talente rechtzeitig einzubinden und ihnen Perspektiven im Unternehmen aufzuzeigen», so Schilling.

Kompetenz vor Nationalität

Der Anteil der Geschäftsleitungsmitglieder ohne Schweizer Pass beträgt 48 Prozent – der zweithöchste Stand seit Erhebungsbeginn in 2006. Wichtig: 71 Prozent der ausländischen Geschäftsleitungsmitglieder sind sogenannte «Inländer:innen». Als solche gelten Personen ohne Schweizer Pass, die aber bereits berufliche Erfahrung in Schweizer Unternehmen gesammelt haben vor der Beförderung ins oberste Führungsgremium.

Die 20 global tätigen SMI-Unternehmen haben einen Anteil ausländischer Geschäftsleitungsmitglieder von 74 Prozent – auch hier machen die «Inländer:innen» mit 75 Prozent den Grossteil aus. «Schweizer Unternehmen rekrutieren traditionell einen Teil ihrer Fachkräfte im Ausland und verstehen es, diese gezielt zu entwickeln und langfristig an die Schweizer Wirtschaft zu binden. Das stärkt Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit», folgert Schilling. «Gleichzeitig bereitet mir Sorge, dass die zunehmende Regulierung den Zugang zu globalen Fachkräften so stark einschränkt, dass dies mittelfristig zum Nachteil für die Schweizer Wirtschaft werden könnte.»

Ohne die 20 SMI-Unternehmen beträgt der Anteil der Geschäftsleitungsmitglieder ohne Schweizer Pass 42 Prozent. Rund ein Fünftel der Unternehmen (19 Prozent) hat eine rein schweizerische Geschäftsleitung, 15 Prozent haben keine Schweizer:innen in der Geschäftsleitung.

Stagnation nach Erreichen der Geschlechterrichtwerte

Aktuell stagniert der Frauenanteil in allen Samples. Im Verwaltungsrat stieg dieser nur geringfügig: im Gesamtsample von 33 auf 34 Prozent und im SMI von 35 auf 36 Prozent. Mit Ablauf der Übergangsfrist zur Erreichung des Geschlechterrichtwerts im Verwaltungsrat per 1. Januar 2026 rückt die Verantwortung der Unternehmen in den Fokus. Zwar erreichen 71 Prozent der Unternehmen den Richtwert von 30 Prozent Frauen im Verwaltungsrat, doch knapp ein Drittel (29 Prozent) verfehlt ihn weiterhin, 4 Prozent haben keine Frau im Verwaltungsrat.

«16 börsenkotierte Unternehmen aus unserem Sample erreichen derzeit den Richtwert im Verwaltungsrat nicht. Diese sind besonders gefordert, da sie ab dem Vergütungsbericht 2026 die Gründe für das Nichterreichen des Richtwerts angeben und Massnahmen zur Förderung des untervertretenen Geschlechts darlegen müssen», so Schilling.

In der Geschäftsleitung stagniert der Frauenanteil bei 22 Prozent. Der Frauenanteil unter den neu ernannten Geschäftsleitungsmitgliedern liegt bei 21 Prozent, dem Tiefstwert seit 2020. Die Anzahl ausgetretener Frauen ist mit 28 auf dem zweithöchsten Stand seit Beginn der Erhebung. Auch in den 20 SMI-Unternehmen zeigt sich diese abflachende Entwicklung: Der Anteil weiblicher Geschäftsleitungsmitglieder sank von 28 Prozent in 2025 auf aktuell 27 Prozent. 25 Prozent der Vakanzen im SMI wurden mit Frauen besetzt.

Ein Blick auf die Umfrageergebnisse von 2025 zur Gender-Diversity-Pipeline zeigt: Zwischen 2016 und 2025 stieg der Frauenanteil im Middle Management von 22 auf 28 Prozent und im Topmanagement von 14 auf 21 Prozent. Besonders stark wuchs währenddessen der Frauenanteil in der Geschäftsleitung von 6 auf 22 Prozent. «Der Fokus der Unternehmen lag in den vergangenen Jahren auf der Erfüllung des Richtwerts und ging zulasten eines nachhaltigen Aufbaus weiblicher Führungskräfte über alle Stufen hinweg», so Schilling. «Ist sich die Schweizer Wirtschaft des langfristigen Mehrwerts geschlechterdurchmischter Führungsteams auf allen Stufen wirklich bewusst – oder wird Gender Diversity noch immer primär als regulatorische Pflicht statt als strategischer Erfolgsfaktor verstanden?»

Auch im öffentlichen Sektor flacht die Entwicklung des Frauenanteils im Topkader ab und stagniert bei 27 Prozent. Lange galt der Public Sector als Vorreiter in Sachen Gender Diversity, mittlerweile hat die Privatwirtschaft auf 22 Prozent aufgeholt. Beim Bund hat sich der Frauenanteil im Topkader bei 38 Prozent eingependelt.

Wandel der Profile im Verwaltungsrat

Nach der Wirtschaftskrise 2008 lag der Fokus des Verwaltungsrats auf Governance, Regulierung und Risikokontrolle – Jurist:innen spielten eine zentrale Rolle. Heute stehen Unternehmen vor anderen Herausforderungen. «Globale Märkte, technologische Disruption, Digitalisierung und der Einsatz von künstlicher Intelligenz erfordern ein vertieftes Verständnis von Geschäftsmodellen, Märkten und Technologien. Geopolitische Unsicherheiten und fragmentierte Märkte erhöhen den Druck auf international ausgerichtete Unternehmen zusätzlich. Persönlichkeiten mit einem Wirtschafts- sowie MINT-Profil rücken mit ihrem Zugang zu diesen Fragestellungen in den Fokus», so Schilling.

Dies spiegelt sich auch in der Verwaltungsratsarbeit: 12 Unternehmen haben bereits ein dediziertes Digitalisierungs- oder Technologiekomitee, deren Vorsitz mehrheitlich einen MINT-Hintergrund hat.

Besonders das Anforderungsprofil von Verwaltungsratspräsidien entwickelt sich substanziell weg von primär rechtlicher Kontrolle hin zu strategischer Markt- und Technologiekompetenz. Noch 2006 verfügten 27 Prozent der Verwaltungsratspräsident:innen über einen juristischen, 33 Prozent über einen wirtschaftswissenschaftlichen und 22 Prozent über einen MINT-Abschluss. Heute zeigt sich ein anderes Bild: Der Anteil der Jurist:innen ging auf 17 Prozent zurück, während 42 Prozent einen wirtschaftswissenschaftlichen und 34 Prozent einen MINT-Hintergrund aufweisen.

Der vollständige Report kann ab Mai 2026 online unter www.schillingreport.ch/de in den Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch bezogen werden.

Weitere Informationen: www.guidoschilling.ch

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