Logistik extrem: 41. Zürcher Logistik-Kolloquium
An der 41. Ausgabe des Zürcher Logistik-Kolloquiums der Dr. Acél & Partner AG in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich und der Inspire AG lauschten am 21. Mai 2026 63 Gäste spannenden Logistik-Vorträgen. Mit René Schmid von der Roth Gerüste AG ging es in die Höhe, Silvan Eberhard von der Eberhard Bau AG in die Tiefe und mit Dr. Philipp Blumer in die Weite: Dem Thema „Logistik Extrem“ wurde der Anlass auf jeden Fall gerecht.

In Logistik-Kreisen ist das Zürcher Logistik-Kolloquium inzwischen zu einem Traditionsanlass geworden. Dr. Acél & Partner schafft es immer wieder, Einblicke in komplexe Logistik-Projekte zu vermitteln. Aussenstehende können sich damit einen Begriff davon machen, dass Logistik mehr bedeutet, als Waren einfach von A nach B zu transportieren.
95% Logistik, 5% Gerüstbau
Dass die Logistik auch für einen Gerüstbauer entscheidend ist, zeigte das erste Referat des Abends. «Gerüstbauer oder Logistiker?» Mit dieser Frage startete René Schmid, Mitglied der Geschäftsleitung der Roth Gerüste AG. Im Gerüstbau ist neben der eigentlichen Arbeit auf der Baustelle Logistik gefragt: Planung, Materialfluss und Transportorganisation sind entscheidend für einen reibungslosen Ablauf. Schmid sagte unter anderem, nur der letzte Schritt ihrer Arbeit sei tatsächlich Gerüstbau, der Löwenanteil sei Logistik.
Bereits beim Transport zeigt sich die immense Logistikleistung: Jährlich befördert die Roth Gerüste AG rund 225’000t Gerüstmaterial quer durch die Schweiz. Im Vergleich zur Logistik in der Industrie, die bereits Automatisierung, Robotik und KI etablieren konnte, laufen im Gerüstbau die meisten Prozesse manuell. Herausforderungen bilden stets auch Wetter, Bauphasen, kurzfristige Änderungen, andere Baubeteiligte und Faktoren wie bspw. die Befahrbarkeit der Baustelle, Fremdsteuerungen, auf die schnell zu reagieren ist.
Bzgl. Logistikoptimierung stellte René Schmid den Anwesenden sein Pilotprojekt vor, ein Konzept für den Nachtverlad. Dieses läuft seit 2022. Durch die Vorbereitung der Fahrzeuge während der Nacht bleibt für die Gerüstbauer tagsüber mehr Zeit für Montage. Wie der Referent ausführte, seien zudem weitere Logistikmodelle in Prüfung, etwa mit zentralen Umschlagspunkten in der Schweiz, gebündelten Materialflüssen sowie datengestützter Routenberechnung.
Auch die Frage, wie der Gerüstbau der Zukunft aussehen wird, erörterte René Schmid. Lösungen für schwere Lasten für Mensch und Maschine wie Exoskelette und Transportdrohnen seien bereits in der Entwicklung.
Grossbaustellenlogistik
Um ganz grosse Transportvolumina ging es im Vortrag von Silvan Eberhard, Leiter Logistik bei der Eberhard Bau AG aus Kloten. Er vermittelte dem Publikum einen Eindruck von der Grossbaustelle des Unispitals Zürich, bei der die Eberhard Bau AG für den Aushub zuständig ist. Die Herausforderung: Das enorme Ausmass von 427’000t Aushubmaterial effizient und dennoch unter Einhaltung der festgesetzten Anforderungen aus der Stadt zu transportieren. Auch hier handelt es sich also um ein sehr grosses, komplexes logistisches Unterfangen.
Der Aushub musste zu 100% mit der Bahn abtransportiert werden, um den Verkehr in Zürich Nord zu entlasten. Eine politische Vorgabe, denn umwelttechnisch ergibt der Umschlag vom LKW auf die Schiene und zurück nur begrenzt Sinn. Insgesamt wurden über 17’000 LKWs reine Aushubfuhren gefüllt. Das entspricht sieben Zügen pro Tag.
Die Umweltauswirkungen des Fuhrparks sind ein Steckenpferd Eberhards. Die Aushublogistik verursacht insgesamt rund 570t CO₂. Dies ist ein Bruchteil im Vergleich zur Produktion von Beton für den Tiefbau, die diesen Wert um das Doppelte übersteigt – ganz zu schweigen vom Hochbau. Die Bemühungen um Elektrofahrzeuge sind da. Das Problem hierbei ist allerdings das zusätzliche Gewicht von 3t Batterie pro Fahrzeug, wodurch mehr Fahrten nötig werden, wie Silvan Eberhard erklärte. In Summe erfordert die Grossbaustelle in der Stadt eine moderne und anpassungsfähige Logistik.
Einsatzlogistik im Militär
Dr. Philipp Blumer, Prozessingenieur bei Sensirion AG, nahm zum Schluss das Publikum mit auf eine ungewöhnliche Truppenübung des Militärs: «TRIAS 25», eine trinational organisierte Übung der Schweiz, Österreichs und Deutschlands in Österreich. 920 Angehörige der Schweizer Armee waren beteiligt, weitere 190 aus Österreich und 180 aus der deutschen Bundeswehr. Besonders eindrücklich waren dabei die Dimensionen der Mobilisierung. Über 350 Fahrzeuge, darunter Panzer und Tankwagen, wurden auf insgesamt elf Zügen mit 177 Waggons mit einer Gesamtlänge von rund 4.3 km verlegt. Dazu kamen allein 15t Lebensmittel für die Versorgung der Soldaten.
Die Versorgung muss selbst unter schwierigen Bedingungen und gegnerischer Einwirkung jederzeit sichergestellt werden: «Deliver – always – anywhere». Versorgung und Abläufe müssen flexibel an die jeweilige Gefechtssituation angepasst werden. Das sollte während der Aktion geübt werden. Herausfordernd waren dabei grundlegende Dinge wie die sechs mobilen Küchen, Werkstätten, Sanitätsstützpunkte und die Lieferung von Munition und Treibstoff ins Feld, deren Organisation teilweise von Soldaten frisch aus der RS ad hoc erlernt werden musste.
Der Referent beschloss seinen Vortrag mit grundlegenden Fragen, nicht nur ans Militär, sondern überhaupt an die Logistik zur Balance zwischen Effizienz und Redundanz, zwischen Kontrolle und Delegation sowie zwischen Spezialisierung und Flexibilität in komplexen Logistiksystemen. Wie viel Puffer braucht z.B. eine Lieferkette unter Druck? Wie viel Redundanz darf sein? Und bezogen auf die zu dünne Personalbasis, unter der die Schweizer Armee derzeit leidet: Was geschieht, wenn die wichtigsten Spezialisten ausfallen? Eine Frage, die sich grundsätzlich alle Organisationen stellen sollten.
Fazit: Ohne Logistik geht nichts
Die gezeigten Beispiele waren in vielerlei Hinsicht extrem. Sie liessen erkennen, dass moderne Logistik ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Planung, Versorgung, Technik und Führung ist und bleibt. Entsprechend anregend gestalteten sich auch die Diskussionen im Anschluss an die Referate. Die Schlussworte von Prof. Dr. Wegener und Dr. Acél, sahen das Extreme auf jeden Fall als bestätigt, und der Abend konnte bei herrlichem Frühlingswetter beim Apéro auf der Dachterrasse der ETH ausklingen.
Quelle: www.acel.ch
