KI-Agenten: Die grösste Schwachstelle im Kampf gegen Finanzbetrug

Betrugsversuche gegen Finanzinstitute nehmen weltweit rasant zu – und KI-Agenten gelten bereits als grösste ausnutzbare Schwachstelle der Branche. Eine Umfrage von Biocatch unter 1’440 Fach- und Führungskräften in 25 Ländern zeigt, wie dramatisch sich die Bedrohungslage verändert hat und warum klassische Abwehrmechanismen zunehmend versagen.

KI-Agenten werden von Bank-Führungskräften zunehmend als Schwachstelle für Finanzbetrügereien gesehen. (Bild: Depositphotos.com)

Ob Menschen digitalen Finanzdienstleistungen vertrauen, berührt wirtschaftliche Stabilität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Sicherheit des Alltags. Und dieses Vertrauen steht 2026 unter enormem Druck. Betrug und Finanzkriminalität haben sich längst zu einem verflochtenen System entwickelt, das klassische Abwehrmechanismen systematisch überfordert. Laut dem Global Financial Crime Report 2026 von Nasdaq flossen allein 2025 schätzungsweise 4,4 Billionen US-Dollar an illegalen Geldern durch das globale Finanzsystem – ein Anstieg von 42 Prozent gegenüber 2023. Auf Betrug entfielen dabei geschätzte 579,4 Milliarden US-Dollar; die Dunkelziffer dürfte erheblich grösser sein.

Diese Zahlen bilden den Hintergrund einer breit angelegten Studie des Unternehmens Biocatch, das Betrug und Finanzkriminalität durch die Analyse von Mustern im menschlichen Verhalten bekämpft. Das Unternehmen beauftragte Team Lewis Research mit der Durchführung einer Online-Umfrage unter 1’440 Fachleuten aus den Bereichen Betrugsmanagement, Prävention von Finanzkriminalität sowie Risiko und Compliance – aus 25 Ländern in Nordamerika, Europa, dem Nahen Osten und Afrika, Lateinamerika und der Asien-Pazifik-Region.

Steigende Verluste trotz hoher Investitionen

Die Ergebnisse sind alarmierend: 81 Prozent der Befragten berichten von steigenden Betrugsversuchen gegen ihre Kunden – gegenüber 71 Prozent im Vorjahr. Noch deutlicher ist die Entwicklung bei den Verlusten: Der Anteil derjenigen, die von steigenden Betrugsverlusten im Jahresvergleich berichten, wächst von 59 auf 76 Prozent. Fast die Hälfte der befragten Institute gibt an, jährlich mehr als 10 Millionen US-Dollar für die Bekämpfung von Betrug und Finanzkriminalität aufzuwenden. Dennoch melden mehr als drei Viertel steigende Verluste – die bisherigen Mittel reichen in den meisten Fällen nicht aus, um mit der wachsenden Bedrohung Schritt zu halten.

Die häufigsten Ursachen für den Anstieg: 59 Prozent der Befragten nennen Scam-Versuche über Echtzeitzahlungen, 45 Prozent den zunehmenden Einsatz von KI und Automatisierung durch Kriminelle sowie mehr Fälle von Überweisungsbetrug, bei dem Opfer selbst zahlen. Kriminelle Netzwerke agieren dabei wie professionell strukturierte Unternehmen – und sind regulatorisch nicht gebunden. 59 Prozent der Befragten sagen, dass kriminelle Organisationen sich schneller anpassen als Finanzinstitute.

KI: Werkzeug und Waffe zugleich

Die schnelle Verbreitung von KI-Tools hat die Bedrohungslage massgeblich verschärft. Scams werden hyperpersonalisiert, überzeugender und für Betroffene kaum noch erkennbar. 88 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass KI Betrugsmaschen bereits heute deutlich raffinierter und gefährlicher gemacht hat. Kriminelle nutzen generative KI, um Social-Engineering-Angriffe zu automatisieren und massenhaft zu skalieren – mit täuschend echten Phishing-E-Mails, Deepfake-Audio- und Videoinhalten sowie gefälschten Dokumenten, die sowohl herkömmliche Erkennungssysteme als auch die menschliche Prüfung überlisten.

Am häufigsten beobachten Fachleute aus dem Betrugsmanagement dabei: Deepfake-gestütztes Social Engineering und Identitätstäuschung (50 Prozent), automatisierte Phishing- und Spear-Phishing-Angriffe (48 Prozent) sowie automatisierte Geldwäsche und Transaktionsbetrug (44 Prozent). Doch KI ist nicht nur Waffe – die Befragten sehen auch erhebliches Potenzial für die Betrugsprävention: als grössten Nutzen nennen sie Echtzeit-Transaktionsüberwachung und Anomalieerkennung (40 Prozent), Verhaltensanalysen und Mustererkennung (34 Prozent) sowie Identitätsprüfung und Authentifizierung (27 Prozent).

KI-Agenten als grösste Schwachstelle

84 Prozent der Befragten sehen KI-Agenten als das grösste Einfallstor für Betrüger im kommenden Jahr. Und die Bedrohung ist bereits Realität: 80 Prozent der Befragten geben an, dass ihr Institut bereits Angriffe erlebt hat, bei denen KI-Agenten eingesetzt wurden. Besonders betroffen sind Finanzinstitute in Lateinamerika (89 Prozent), gefolgt von Europa, dem Nahen Osten und Afrika sowie der Asien-Pazifik-Region (je 79 Prozent) und Nordamerika (75 Prozent).

Die wachsende Verbreitung von KI-Agenten im Banking schafft dabei eine neue Herausforderung: Banken müssen künftig drei Szenarien auseinanderhalten können – einen echten Kunden, der legitime Bankgeschäfte tätigt; einen Betrüger, der ein fremdes Konto übernommen hat; und einen echten Kunden, der unter der Manipulation eines Scammers handelt. 72 Prozent der Befragten rechnen damit, dass es sehr schwierig sein wird zu erkennen, ob eine KI-gestützte Transaktion legitim ist oder von Kriminellen gesteuert wird. Gleichzeitig geben rund vier von fünf Befragten (82 Prozent) an, bereits darauf vorbereitet zu sein, die Absichten hinter einer Transaktion zu bewerten – auch wenn diese von einem KI-Agenten ausgeführt wird.

Informationsaustausch als Schlüssel

Betrug, Scams und Geldwäsche stellen heute ein zusammenhängendes, systemisches Problem dar. Finanzinstitute weltweit erkennen zunehmend, dass die Bekämpfung dieser systemischen Bedrohung eine systemische Lösung erfordert. 85 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass Echtzeit-Informationsaustausch zwischen Banken die Betrugserkennung deutlich verbessern würde. 86 Prozent sagen, dass Echtzeitinformationen über das Zielkonto einer Überweisung helfen würden, Scams rechtzeitig zu unterbinden.

Die Umsetzung scheitert in der Praxis jedoch an verschiedenen Hürden: Datenschutzvorschriften (26 Prozent), die Angst vor rechtlicher Haftung (19 Prozent) sowie Sorgen um vertrauliche Informationen (19 Prozent). Dennoch tauschen laut Umfrage fast drei Viertel (74 Prozent) der befragten Institute mindestens wöchentlich Informationen über verdächtige Konten mit anderen Finanzinstituten aus.

Vertrauen als Währung

Die Folgen von Betrug gehen weit über finanzielle Verluste hinaus. 74 Prozent der befragten Bankverantwortlichen beobachten nach einem Betrugs- oder Scam-Vorfall häufig negative Auswirkungen auf das Vertrauen oder die Kundenbindung. 68 Prozent sind überzeugt, dass der Umgang ihres Instituts mit Betrugsprävention und Erstattungen unter dem Strich zu Kundenverlusten geführt hat. Während mehr als die Hälfte (56 Prozent) diese Abwanderung auf ausgebliebene Erstattungen zurückführt, sehen die übrigen 44 Prozent die Ursache in zu viel Reibung und unnötigen Hürden im Kundenprozess.

Gadi Mazor, CEO von Biocatch, kommentiert die Entwicklung so: «KI beginnt, die Interaktion von Kunden mit E-Commerce-Angeboten und Finanzinstituten grundlegend zu verändern – und sie wird auch verändern, wie Kriminelle Betrug und andere Finanzdelikte begehen. Während digitale Interaktionen immer schneller, stärker automatisiert und zunehmend agentengetrieben werden, müssen wir über statische Identitätsprüfungen hinausgehen – hin zu einem tieferen, unmittelbaren Verständnis von Verhalten, Absicht und Vertrauen.»

Finanzinstitute, die ihre Reputation in Echtzeit im Blick behalten, in innovative Technologien investieren, Informationen mit anderen Instituten teilen und offen mit ihren Kunden kommunizieren, sind besser aufgestellt, um Kundenvertrauen aufzubauen und langfristig zu erhalten. Um im zunehmend digitalen Wettlauf gegen Kriminelle bestehen zu können, sind Echtzeit-Informationsaustausch und engere Zusammenarbeit – über Institutionen und Ländergrenzen hinweg – dringend erforderlich.

Quelle: www.biocatch.com

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf m-q.ch - https://www.m-q.ch/de/ki-agenten-die-groesste-schwachstelle-im-kampf-gegen-finanzbetrug/

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