Wenn Erwartungen über Chancen entscheiden

Eine neue FHNW-Studie zeigt, wie Lehrpersonen das Potenzial von Schüler:innen unterschiedlich einschätzen – und welche Rolle dabei Zuschreibungen rund um Migration und Sprache spielen. Die Befunde werfen grundlegende Fragen zur Chancengleichheit im Schweizer Bildungssystem auf.

Nicht alle haben die gleichen Chancen: Eine Studie zeigt Benachteiligung von Schülern im Bildungssystem. (Bild: Adobe Stock)

Das duale Schweizer Bildungssystem verspricht Durchlässigkeit und Aufstiegschancen – unabhängig davon, ob jemand eine Berufslehre absolviert oder das Gymnasium besucht. Wie weit dieses Versprechen in der Praxis eingelöst wird, hat eine neue Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW untersucht. Die Ergebnisse geben zu denken.

Strukturelle Ungleichheiten werden zu wenig berücksichtigt

Im August hat für Tausende Jugendliche der nächste Abschnitt ihrer Bildungsbiografie begonnen – sei es mit dem Eintritt in eine Berufslehre oder mit dem Gymnasialstart. Doch nicht alle starten unter gleichen Voraussetzungen. Die FHNW-Studie «Migrationsgesellschaftliche Verhältnisse im Kontext beruflicher und gymnasialer Bildung» (GEMI III), gefördert durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF), zeigt: Lehrpersonen interpretieren Bildungsleistungen teilweise einseitig. Strukturelle Ungleichheiten und migrationsbedingte Benachteiligungen werden dabei häufig zu wenig berücksichtigt. In der Folge werden bestehende Ungleichheiten eher reproduziert als abgebaut – trotz formell gegebener Aufstiegschancen.

Die Studie basiert auf 66 geschlechterparitätisch geführten Expert:inneninterviews mit Lehrpersonen der Sekundarstufe II an Berufsfachschulen und Gymnasien im Bildungsraum Nordwestschweiz (Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Solothurn). Ergänzend fanden 2025 Gruppendiskussionen mit denselben Lehrpersonen statt.

Deutsch als Massstab für Leistung

Ein zentraler Befund der Studie betrifft die Rolle der deutschen Sprache: Schulische Leistungsfähigkeit wird von Berufsfachlehrpersonen eng an «gute Deutschkenntnisse» geknüpft. «Deutsch ist in den Gesprächen mit Lehrpersonen praktisch allgegenwärtig. Andere Sprachen treten dahinter zurück», sagt Co-Studienleiterin Prof. em. Dr. Maritza Le Breton von der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. «Geringe Deutschkompetenz wird dabei schnell mit fehlender Kompetenz insgesamt gleichgesetzt.»

Viele Schüler:innen verfügen jedoch über andere Sprachkompetenzen, die im Bildungssystem weniger berücksichtigt oder als Defizit interpretiert werden. Die Verantwortung, dieses «Defizit» zu überwinden, wird den einzelnen Lernenden selbst überlassen – sowohl in der beruflichen Ausbildung als auch im Gymnasium.

Tiefe Erwartungen, geringere Chancen

Die Einschätzungen der befragten Lehrpersonen stehen in engem Zusammenhang mit den wahrgenommenen Sprachkompetenzen. Wird Deutsch nicht als Erstsprache wahrgenommen, werden Lernende häufig pauschal als «migrantisch» kategorisiert – verbunden mit Vorstellungen über mangelnde familiäre Unterstützung oder geringere Leistungsfähigkeit. «Tiefe Erwartungen der Lehrpersonen können es den Lernenden erschweren, ihre tatsächlichen Fähigkeiten zu zeigen», sagt Co-Studienleiterin Dr. Susanne Burren von der Pädagogischen Hochschule FHNW.

Lernende, die als «migrantisch» wahrgenommen werden, erhalten tendenziell weniger Förderung und häufiger Rückmeldungen, die ihre bestehende Position im System bestätigen. Maritza Le Breton ordnet das Phänomen ein: «Es handelt sich um ein alltagstheoretisches Muster, dessen Reflexion und Einordnung ein wichtiger Bestandteil professionellen Handelns von Lehrpersonen ist.» Viele Lehrpersonen sind sich der Problematik der Chancenungleichheit bewusst – als zentrale Hürde für Veränderungen benennen sie jedoch die fehlende institutionelle Unterstützung.

Glaube an Durchlässigkeit erschwert Reflexion

Gleichzeitig erschwert der verbreitete Glaube an die hohe Durchlässigkeit des Schweizer Bildungssystems eine kritische Auseinandersetzung mit strukturellen Benachteiligungen: Ungleiche Bildungschancen werden von den befragten Lehrpersonen eher auf «Herkunft», Geschlecht oder «Nationalität» der Lernenden zurückgeführt als auf strukturelle Bedingungen. Dieses Muster zeigt sich sowohl in der Berufsbildung als auch im Gymnasium – und weist auf einen grundlegenden Handlungsbedarf in der Lehrpersonenbildung hin.

Quelle: Fachhochschule Nordwestschweiz, www.fhnw.ch

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