Pflegende Angehörige tragen das System – doch die Rahmenbedingungen hinken hinterher

Am 24. März 2026 hat Pro Familia Schweiz in Bern eine Fachtagung zum Thema Angehörigenpflege durchgeführt. Fachpersonen aus Wissenschaft, Praxis und Politik sind sich einig: Angehörige sind ein tragender Pfeiler der Versorgung, doch damit dieses Modell langfristig funktioniert, braucht es jetzt klare und verbindliche Rahmenbedingungen. Rund 500’000 ältere Menschen werden in der Schweiz zu Hause von Angehörigen betreut.

Diskussion über Herausforderungen für pflegende Angehörige. Quelle: zvg

Rund 500’000 ältere Menschen werden in der Schweiz zu Hause von Angehörigen betreut. Dieses Engagement ist systemrelevant, bleibt aber oft unsichtbar, unzureichend unterstützt und gesundheitlich belastend. Die Fachtagung «Pflegende und betreuende Angehörige im Fokus einer alternden Gesellschaft» hat am 24. März 2026 in Bern gezeigt, dass konkreter Handlungsbedarf bei Rahmenbedingungen, Finanzierung und Entlastungsangeboten besteht.

«Pflegende Angehörige sind kein Puffer. Kein Kostenfaktor. Und ganz sicher kein Randthema. Sie sind ein tragender Pfeiler unseres Systems. Was jetzt folgt, ist der entscheidende Schritt: Priorisieren. Entscheiden. Und vor allem: Umsetzen», betont Eva-Maria Kaufmann Rochereau, Geschäftsführerin Pro Familia Schweiz.

Qualität sichern, Verantwortung klären

Ein zentraler Hebel liegt in klaren Standards. Die Tagung zeigt: Angehörigenpflege kann ein tragfähiger Bestandteil der Versorgung sein – wenn sie professionell eingebettet ist. Dazu braucht es verbindliche Mindeststandards für Ausbildung und Begleitung, klare Rollen zwischen Fachpersonen und Angehörigen, systematische Datengrundlagen und Vergleichbarkeit sowie eine koordinierte Steuerung über Kantone hinweg. Im Fokus steht dabei nicht die Frage, ob Angehörige pflegen, sondern wie Qualität, Sicherheit und Fairness gewährleistet werden können.

Fachtagung 2026 diskutiert Anstellung pflegender Angehöriger. Quelle: zvg

Finanzierung neu denken

Ein weiterer Schlüssel ist eine transparente und ausgewogene Finanzierung. Diskutiert wurde insbesondere die Wirkung heutiger Tarifstrukturen. Klar ist: Kosten müssen nachvollziehbar sein, Preise müssen so ausgestaltet werden, dass Fehlanreize vermieden werden, und der volkswirtschaftliche Nutzen muss stärker berücksichtigt werden. Nur mit klaren Regeln lässt sich verhindern, dass wirtschaftliche Interessen die Versorgung prägen.

Betreuung und Entlastung systematisch stärken

Neben der Pflege bleibt die Betreuung eine zentrale Herausforderung. Sie macht einen grossen Teil der Care-Arbeit aus, ist aber oft ungenügend geregelt und finanziert. Die Tagung zeigt konkrete Lösungsansätze: Ausbau und bessere Zugänglichkeit von Entlastungsangeboten, stärkere Einbindung von Gemeinden und regionalen Netzwerken, Förderung von sogenannten Caring Communities sowie bessere Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Angehörigenbetreuung.

Gesundheit beginnt vor der Pflege

Langfristig braucht es einen stärkeren Fokus auf Prävention. Bildung über den gesamten Lebenslauf stärkt die Gesundheitskompetenz und kann Pflegebedürftigkeit reduzieren. Damit wird deutlich: Angehörigenpflege ist nicht nur eine Frage der Organisation, sondern auch der gesellschaftlichen Investition in Gesundheit.

Jetzt handeln

Die zentralen Herausforderungen sind bekannt – nun geht es um die Umsetzung. Gefordert sind klare politische Leitplanken, die Qualität sichern, Angehörige entlasten und das System insgesamt stabilisieren. Pflegende Angehörige sind kein Randthema, sondern systemrelevant. Entsprechend müssen sie auch behandelt werden.

An der Tagung sprachen unter anderen Nationalrätin Valérie Piller Carrard (Präsidentin Pro Familia Schweiz), Prof. em. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello (Universität Bern), Dr. Andreas Hellmann (Pflegewegweiser GmbH), Tobias Holzgang (Caritas Schweiz), Valérie Borioli Sandoz (IGAB Interessensgemeinschaft Angehörigenbetreuung) sowie Nationalrätin Ursula Zybach.

www.profamilia.ch

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