Matthias Stürmer: «Offene Standards sind zentral»
Am 11. Juni 2026 findet in Zürich der Swiss EA Connect Day statt, veranstaltet von adesso Schweiz AG und der BOC Group. Das Thema: Digitale Souveränität. Dabei geht es um Kontrolle über Prozesse, Applikationen, Daten und Abhängigkeiten. Als Referent mit dabei ist Matthias Stürmer, der im Interview erklärt, worum es bei der digitalen Souveränität geht.

Digitale Souveränität ist heute eine konkrete Steuerungsaufgabe. Unternehmen müssen wissen, wo ihre kritischen Daten liegen, welche Systeme für ihr Geschäft relevant sind, von welchen Plattformen und Drittparteien sie abhängig sind und welche Risiken sich daraus ergeben. Der Swiss EA Connect Day 2026 zeigt, wie Enterprise Architektur die Grundlage dafür schafft, Abhängigkeiten sichtbar zu machen, Risiken fundiert zu bewerten und Entscheidungen zu Resilienz, Compliance und Handlungsfähigkeit gezielt zu steuern. Ein Hauptreferent der Tagung ist Prof. Dr. Matthias Stürmer, Dozent an der Berner Fachhochschule (BFH) und Leiter des Instituts Public Sector Transformation. Er ist einer der wichtigsten Meinungsführer in Sachen digitaler Souveränität in unserem Land. Ein Gespräch über das Tagungsthema und was Open Source und nachhaltige IT-Architekturen damit zu tun haben.
Herr Stürmer, zur Klärung der Begrifflichkeiten: Was bedeutet digitale Souveränität eigentlich?
Matthias Stürmer: Der Begriff digitale Souveränität wird unterschiedlich interpretiert und angewendet. Es gibt keine einheitliche gesetzliche Definition. In der Schweiz haben sich im Netzwerk Souveräne Digitale Schweiz über 200 Firmen und Behörden auf eine gemeinsame Definition geeinigt. Danach betrifft digitale Souveränität nicht nur den Staat, sondern jede Organisation, die sich technologisch unabhängiger machen will. Es geht um die vollständige Kontrolle über die eigenen Daten und darum, Software und Infrastruktur mitgestalten zu können. Dadurch behält man Handlungsfreiheit bei Applikationen, Cloud-Systemen und Architekturen.
Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit digitaler Nachhaltigkeit, Open Source und digitaler Souveränität. Warum ist dieses Thema gerade jetzt besonders wichtig für Organisationen?
Die Problematik der Anbieterabhängigkeit ist nicht neu. Sie gibt es seit Jahrzehnten, seit den ersten Mainframe-Systemen. Viele IT-Anbieter nutzen solche Abhängigkeiten bis heute als Teil ihres Geschäftsmodells. Solange sich die Anbieter fair verhalten, ist das ein kalkulierbares Risiko. Kritisch wird es, wenn geopolitische Interessen dazukommen. Gerade bei zentralen IT-, Cloud- und KI-Diensten, die oft von US-Firmen bereitgestellt werden, entsteht dadurch eine neue Unberechenbarkeit. Das hat in den letzten Monaten zu einer starken Sensibilisierung geführt und die Nachfrage nach digital souveränen Alternativen verstärkt.
Wann wurde Ihnen persönlich klar, dass Digitalisierung langfristig offen und nachhaltig gedacht werden muss?
Das wurde mir über mehrere Jahre hinweg bewusst. Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit Open Source Software und finde faszinierend, dass Menschen weltweit Software entwickeln, die sowohl dem Gemeinwohl dient als auch wirtschaftlichen Wert schaffen kann. Gleichzeitig habe ich erkannt, dass Open Source allein nicht alle Probleme löst. Es braucht auch eine funktionierende Community, Finanzierung, Governance und verschiedene Formen von Mitwirkung. Daraus ist an der ETH die Idee der digitalen Nachhaltigkeit entstanden. Später wurde klar, dass sich dieser Ansatz auch auf Daten und KI-Systeme übertragen lässt.
Was verstehen Sie unter digital nachhaltiger KI?
Nachhaltigkeit hat verschiedene Dimensionen: soziale, ökologische, wirtschaftliche und eben auch digitale. Bei digitaler Nachhaltigkeit geht es unter anderem um zugängliches Wissen und um die Grundlage von Daten und Software, also etwa um offenen Quellcode. Auf KI übertragen bedeutet das: Ein gutes Modell braucht eine klare Architektur, Code, Daten und Rechenleistung. Wenn diese Bestandteile transparent dokumentiert sind und nachvollziehbar bleiben, kann man von einem digital nachhaltigen KI-System sprechen. Solche Systeme werden auch als Digital Public Good bezeichnet.
In den sozialen Medien wird ebenfalls oft über offene Algorithmen diskutiert. Geht das in eine ähnliche Richtung?
Ja, absolut. Auch dort geht es um Plattformen und die Frage, welche Inhalte bevorzugt angezeigt werden. Diese Priorisierung basiert auf Präferenzen, Kontakten, Likes und dem bisherigen Verhalten. Genau hier sind Transparenz und Nachvollziehbarkeit wichtig. Der Grundgedanke von Open Source ist ja, dass digitale Güter wie Software, Daten oder KI-Modelle wiederverwendet und in eigene Anwendungen integriert werden können. Daraus lassen sich neue Produkte, Services und Geschäftsmodelle entwickeln.
Beim Thema Daten sieht man das auch im Bereich Open Government Data. Ist das für Sie ein gutes Vorbild?
Ja, genau. Das ist die Übertragung von Open-Source-Prinzipien auf Daten. In der Schweiz ist Open Government Data inzwischen fest verankert. Ab 2027 müssen alle Bundesämter ihre nicht personenbezogenen Daten veröffentlichen, etwa Wetter-, Geo-, Verkehrs-, Strom-, Bildungs- oder Gesundheitsdaten. Diese Daten stehen dann auf Open Data Suisse zur Verfügung. Unternehmen können sie nutzen, etwa um Bauflächen zu identifizieren oder Gebäudehöhen zu berechnen. Das schafft eine wichtige Grundlage für Innovation.
Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt einen Weg an dieser Transparenz- und Open-Source-Entwicklung vorbei?
Langfristig nein. Die UNO hat 2015 die 17 Nachhaltigkeitsziele formuliert, damals spielte Digitalisierung noch eine geringe Rolle. Heute haben viele Regierungen erkannt, dass Daten, Software und KI möglichst offen gestaltet werden müssen. Das erhöht den wirtschaftlichen Nutzen und ermöglicht es Unternehmen, auf staatlich finanzierten digitalen Gütern aufzubauen. Gleichzeitig sollte der Staat bei Beschaffungen darauf achten, keine neuen Abhängigkeiten zu schaffen. Bisher wurden digitale Mittel oft nur gemietet, etwa über Lizenzen. In Zukunft sollte stärker darauf geachtet werden, echte Nutzungs- und Gestaltungsfreiheit zu sichern.
Worin liegt der grösste Unterschied zwischen kurzfristiger Digitalisierung und nachhaltiger Digitalisierung?
Nachhaltigkeit bedeutet nicht einfach nur, dass etwas lange hält. Es geht auch darum, dass es der Gesellschaft und der Menschheit dient. Bei digitaler Nachhaltigkeit kommt die digitale Dimension hinzu: Wissen soll zugänglich sein, Systeme sollen ökologisch sinnvoll sein und soziale Kriterien berücksichtigen. Wichtig ist auch Modularität. Systeme sollten so aufgebaut sein, dass sie weiterentwickelt, ersetzt oder durch andere Anbieter ergänzt werden können. Das verlangt Interoperabilität und offene Schnittstellen. Wie bei einem Gebäude sollte man bestehende Strukturen weiterentwickeln, statt alles regelmässig abzureissen und neu zu bauen.
Ist das in der Praxis wirklich realistisch? Je mehr Schnittstellen es gibt, desto komplexer wird doch alles.
Natürlich entsteht Komplexität. Aber genau dafür gibt es Informatikerinnen und Informatiker, Standards und erfahrene Architektinnen und Architekten. Ein grosses System ist wie ein Hochhaus: Das baut niemand alleine am Wochenende. Bei komplexen Projekten arbeiten viele spezialisierte Personen zusammen. Das ist ein Bauprojekt im grossen Stil. Eine kleine Lösung kann man vielleicht noch selbst bauen, aber nicht ein komplexes Gesamtsystem mit vielen Abhängigkeiten.
Welche Rolle spielt dabei die Unternehmensarchitektur?
Eine sehr zentrale. Wie in der Bauwirtschaft muss eine Architektin oder ein Architekt zuerst die Rahmenbedingungen kennen, die Statik verstehen und wissen, was der Auftraggeber braucht. In der IT bedeutet das: Man muss sich für bestimmte Datenbanken, Schnittstellen und Standards entscheiden. Ob SQL, NoSQL, REST, SOAP oder GraphQL – solche Fragen müssen sorgfältig beurteilt werden. Gute Architektinnen und Architekten brauchen viel Erfahrung, damit das Fundament stimmt. Wenn das Fundament falsch konzipiert ist, bricht das ganze System später zusammen.
Und wie würden Sie die Rolle der Governance einordnen?
Governance ist sehr wichtig, aber sie bezieht sich immer auf den jeweiligen Kontext: auf ein Projekt, eine Organisation, einen Prozess oder eine Firma. Es geht etwa darum, welche Frameworks, Libraries oder Programmiersprachen gewählt werden, welche Anbieter liefern oder wie Entscheidungen während eines Projekts getroffen werden. Gute Governance sorgt dafür, dass solche Fragen bewusst und nachvollziehbar entschieden werden.
Welche Grundsätze sind dabei besonders wichtig?
Offene Standards sind zentral. Software, Datenbanken und IT-Systeme sollten über offene Schnittstellen verfügen, damit sie sich miteinander verbinden lassen, ohne dass man erst teure Speziallösungen entwickeln muss. Das haben wir etwa bei einer mobilen App für die Universität Bern erlebt: Unter der App liegen viele Systeme wie Noten-, Stundenplan- oder Raumverwaltungssysteme. Wenn diese keine Schnittstellen haben, bringt auch die beste App wenig. Darum sollte man von Anfang an mit etablierten Standards arbeiten, etwa mit den ECH-Standards in der Schweiz. So vermeidet man Chaos und unnötige Abhängigkeiten.
Wo machen Organisationen heute den grössten Denkfehler, wenn sie über Technologie, Daten und Software entscheiden?
Sie fokussieren sich zu stark auf die funktionalen Anforderungen, also darauf, was die Software können muss. Viel zu wenig bedacht werden die nicht-funktionalen Aspekte wie Benutzerfreundlichkeit, Performance, Sicherheit oder Unabhängigkeit vom Anbieter. Genau diese Punkte treiben die Kosten oft stark mit. Wer nur auf Features schaut, übersieht schnell, wie die Lösung langfristig betrieben, erweitert oder ersetzt werden kann.
Heisst das: strategischer einkaufen?
Genau. Man sollte langfristig denken. Viele Systeme, die heute beschafft werden, begleiten Organisationen noch über Jahre oder Jahrzehnte. Deshalb macht es Sinn, Entscheidungen mit einer langfristigen Perspektive zu treffen. Es ist ähnlich wie bei einer Ausbildung: Ein schneller Kurs kann helfen, aber für eine stabile Basis braucht es oft mehr Substanz.
Warum lohnt es sich für Fachpersonen aus Prozessmanagement und Unternehmensarchitektur, sich mit digitaler Nachhaltigkeit und digitaler Souveränität auseinanderzusetzen?
Weil das strategische Themen sind. Es geht nicht um die kurzfristige Frage, wie man morgen ein Problem löst, sondern um Weichenstellungen mit Langzeitwirkung. Wer heute entscheidet, merkt den Nutzen oder Nachteil vielleicht erst viel später. Unternehmensarchitektinnen und -architekten müssen solche Entwicklungen früh antizipieren – wie ein Kapitän, der rechtzeitig den Kurs ändert, bevor der Dampfer dem Eisberg zu nahe kommt. Solche Diskussionen helfen, verschiedene Perspektiven zu hören und bessere Entscheidungen zu treffen.
Was ist die zentrale Botschaft Ihrer Keynote am Event?
Man sollte sich mit digitaler Souveränität beschäftigen und die eigenen Abhängigkeiten bewusst reflektieren. Abhängigkeiten sind nicht grundsätzlich schlecht – auch von Strom, Wasser oder einem Gebäude ist man abhängig. Problematisch wird es, wenn man von nur einem Anbieter abhängig ist und keine echte Wahl mehr hat. Diese Wechselfähigkeit ist aus meiner Sicht zentral. Sie stärkt die Resilienz und führt letztlich zu mehr digitaler Souveränität.
Die Fragen stellte Sandro Gerussi, Head of Marketing Communication bei BOC Schweiz. Redaktionelle Bearbeitung: Thomas Berner. Weitere Informationen zum Swiss EA Connect Day 2026 und Anmeldemöglichkeit: https://www.boc-group.com/de/swiss-ea-connect-day-2026/
