KI verändert das Schweizer Recruiting – schneller für Kandidat:innen als für Arbeitgeber

Der Talent Trends 2026 Switzerland Report von Michael Page zeigt: Künstliche Intelligenz verändert die Einstellungspraxis in rasantem Tempo – doch Stellensuchende passen sich deutlich schneller an als Unternehmen. Die Studie basiert auf Befragungen von über 60’000 Fachkräften weltweit, davon 1’220 in der Schweiz.

Immer häufiger werden Jobs mit Hilfe von KI gesucht. (Bild: Depositphotos.com)

Gemäss dem Talent Trends 2026 Switzerland Report von Michael Page nutzen bereits 86 % der Schweizer Stellensuchenden KI bei der Jobsuche – verglichen mit 69 % der Arbeitgeber, die KI in Rekrutierungsprozessen einsetzen. Gleichzeitig geben nur 39 % der Arbeitgeber an, dass KI-unterstützte Bewerbungen die Einstellungswahrscheinlichkeit erhöhen. Damit zeichnet sich eine wachsende Diskrepanz zwischen den beiden Seiten des Arbeitsmarkts ab.

«KI hat die Regeln der Rekrutierung nicht neu geschrieben – aber sie hat das Tempo erhöht», sagt Yannick Coulange, Managing Director von PageGroup Schweiz. «Die Kandidat:innen haben sich bereits angepasst; die Rekrutierungsprozesse holen erst langsam auf.»

Perfekte Bewerbungen – schwierigere Beurteilung

Während Kandidat:innen KI nutzen, um Lebensläufe und Bewerbungsschreiben zu optimieren, setzen Arbeitgeber KI für Screening und Kommunikation ein. Das Resultat: Bewerbungen werden immer polierter – und die Beurteilung echter Fähigkeiten wird schwieriger. Vier von zehn Hiring Managern (41 %) geben an, unsicher zu sein, ob ein Lebenslauf oder ein Motivationsschreiben mit generativer KI erstellt oder überarbeitet wurde.

«Je perfekter KI Bewerbungen macht, desto weniger aussagekräftig wird der ‹perfekte Lebenslauf›», ergänzt Coulange. «Der Fokus verlagert sich auf das, was KI nicht nachbilden kann: Urteilsvermögen, Kommunikations- und Entscheidungsfähigkeiten in realen Situationen.»

Der Einsatz von generativer KI hat sich dabei klar vom Hype zur Gewohnheit entwickelt: 2024 nutzten noch 32 % der Fachkräfte GenAI regelmässig bei der Arbeit, 2025 waren es 55 %, und 2026 liegt dieser Anteil bereits bei 71 % – deutlich über dem globalen Durchschnitt von 64 % und dem europäischen Wert von 60 %.

Kompetenzen wichtiger als Abschlüsse

Die beschleunigte KI-Durchdringung treibt den Übergang zu einem kompetenzbasierten Recruiting voran. 56 % der Kandidat:innen geben an, sich eher auf eine Stelle zu bewerben, wenn Fähigkeiten das wichtigste Element der Ausschreibung sind. Auf Arbeitgeberseite gewichten 38 % der Hiring Manager Kompetenzen höher als Ausbildung oder beruflichen Werdegang, während 30 % Schwierigkeiten haben, Kandidat:innen mit den tatsächlich benötigten Fähigkeiten zu finden.

Bei Organisationen, die bereits einen Skills-first-Ansatz verfolgen, ist die Zustimmung fast einhellig: 97 % sehen klare Vorteile – darunter eine bessere Erkennung von Fähigkeiten (48 %), klarere Bewertungskriterien (42 %) sowie eine einfachere Ausrichtung auf aktuelle und künftige Anforderungen (42 %).

Hiring Manager legen dabei zunehmend Wert auf Anpassungsfähigkeit (42 %), soziale Kompetenzen (39 %) und kontinuierliches Lernen (36 %) – Eigenschaften, die sich kaum automatisieren lassen. «Technologie kann das Recruiting unterstützen, aber sie kann Potenzial nicht definieren», so Coulange. «Für Organisationen, die tatsächliche Fähigkeiten beurteilen und nicht nur perfekt formulierte Bewerbungen, wird der Talentpool breiter und besser.»

Yannick Coulange zur Rolle der KI im Recruiting. Quelle: zvg
Yannick Coulange zur Rolle der KI im Recruiting. Quelle: zvg / Michael Page

Work-Life-Balance schlägt Gehalt und Jobsicherheit

Neben KI prägt flexibles Arbeiten die Entscheidungen von Fachkräften massgeblich. 65 % der Befragten würden einen Stellenwechsel in Betracht ziehen, wenn sie häufiger im Büro präsent sein müssten. Die Work-Life-Balance ist inzwischen wichtiger als Gehalt und Jobsicherheit – sie wird von 24 % als oberste Priorität genannt. Gleichzeitig befürchten 41 % der Fachkräfte, bei einem Jobwechsel ihre Work-Life-Balance einzubüssen.

«Klarheit und Vertrauen werden im Recruiting immer wichtiger», sagt Coulange. «Kandidat:innen möchten nicht nur die Rolle genau verstehen, sondern auch wissen, wie sich der Job in ihr Leben einfügt.»

Lohntransparenz spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle: 49 % der aktiv Jobsuchenden kommen aus Organisationen mit nicht transparenten Lohnstrukturen. Gleichzeitig ist fast die Hälfte der Befragten mit Führungsverantwortung überzeugt, dass mehr Lohntransparenz das Recruiting aktiv unterstützen würde.

Menschliches Urteilsvermögen bleibt entscheidend

Obwohl KI Prozesse beschleunigt, macht der Report deutlich, dass Rekrutierung ein von menschlichen Komponenten geprägter Prozess bleibt. Vertrauen, das im Recruiting aufgebaut wird, ist fragil: 45 % der Befragten ziehen aufgrund eines schlechten Onboardings bereits am ersten Arbeitstag einen Wechsel in Betracht. Onboarding sollte deshalb als letzter, vertrauensstärkender Schritt im Rekrutierungsprozess verstanden werden – nicht als reine Administration.

«KI sollte menschliches Urteilsvermögen unterstützen – nicht ersetzen», resümiert Coulange. «Erfolgreich sind Organisationen, die Geschwindigkeit mit Vertrauen verbinden – und Technologie mit echter menschlicher Nähe.»

Die Talent Trends Studie 2026 basiert auf einer Online-Umfrage unter mehr als 60’000 Fachkräften weltweit, davon 1’220 in der Schweiz.

Quelle: www.michaelpage.ch

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