M&A Nachfolge-Forum feierte Premiere in Zürich

Am 7. Mai 2026 fand im Volkshaus Zürich erstmals das Schweizer M&A Nachfolge-Forum statt. Initiiert vom Schweizer Dachverband für Unternehmensnachfolge – CHDU und gemeinsam durchgeführt mit der Dealcircle GmbH als Co-Veranstalter, befasste sich die Tagung einem der drängendsten Wirtschaftsthemen der kommenden Jahre: der erfolgreichen Übergabe von Unternehmen.

Wie verlaufen Nachfolgeregelungen in Deutschland und in der Schweiz? Laura Buck von FTS Consulting und Graig Gröbli von Dealcircle zogen einen Vergleich. (Bild: Thomas Berner)

Die Unternehmensnachfolge ist ein volkswirtschaftlicher Brennpunkt: Über 90’000 Unternehmen stehen in den nächsten Jahren vor einer Übergabe an eine nächste Generation. Dabei geht es um die Sicherung Tausender Arbeitsplätze. Die als Tagungsmotto gestellte Frage «Wer rettet den Wohlstand» sei deshalb alles andere als rhetorisch gemeint, betonte Hans Jürg Domenig, Präsident des Schweizer Dachverbands für Unternehmensnachfolge – CHDU, in seiner Keynote. Auch Fabian Streiff, Leiter des Amtes für Wirtschaft des Kantons Zürich, betonte die Wichtigkeit des Themas, zumal eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung – 81 Prozent gemäss einer jüngst durchgeführten Umfrage – die KMU für wirtschaftlich wichtig hält, wichtiger also als Startups oder Grossunternehmen. «Man muss nicht nur an Gründungen oder Innovationen denken, sondern auch an Unternehmensweitergaben», so Fabian Streiff.

Wie KI in Nachfolgeprozessen eingesetzt wird

Formen von Nachfolgelösungen gibt es verschiedene: Wechsel der Inhaberschaft innerhalb einer Familie, Management-Buyout, Weiterverkauf an ein anderes Unternehmen oder Mischformen davon. Das Ziel des M&A Nachfolge-Forum war es, einen konzentrierten Treffpunkt für die Vernetzung von Unternehmer:innen, Käufer- und Verkäufer:innen, Beratenden, Investor:innen, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu schaffen. «Matchmaking» war deshalb ein oft gehörter Begriff am Anlass. Die Identifikation des idealen Käufers ist denn auch eine der grössten Herausforderungen bei einer Unternehmensweitergabe. Diesen Prozess zu digitalisieren ist ein Ziel von Dealcircle GmbH. Graig Gröbli, Co-Founder und Managing Partner dieses Unternehmens, erläuterte eine wachsende Zahl von KI-Anwendungen in M&A-Prozessen, etwa für Vertragsanalysen, bei der Due Diligence oder bei Korrespondenzen durch KI-Agenten. Allerdings: Ein explizit einzelnes KI-Tool für M&A existiert noch nicht. «Der M&A-Prozess lässt sich noch nicht vollständig digitalisieren», so Gröbli. Die Entscheidungsfindung bleibe menschlich, und das «Bauchgefühl» bzw. die Chemie zwischen Verkäufer und Käufer lässt sich durch keine Software steuern.

Allerdings macht die KI – wir wissen es – gewaltige Fortschritte, wenn es um quasi-menschliche Interaktionen geht. Sog. «KI-Doppelgänger», also gleichsam digitale Zwillinge von Entscheidungsträgern, sind gemäss Prof. Dr.-Ing. Andreas Lorenz von der Fachhochschule Nordwestschweiz ein grosser Trend. Dass solche «virtuellen Chefs» selbst über eine Nachfolge entscheiden werden, ist gewiss noch Zukunftsmusik. Aber sie können ein Mittel sein, um unternehmerisches Entscheidungswissen auch für Nachfolger zugänglich zu machen. Denn bei jeder Firmenübergabe spielen auch die Weitergabe und der Erhalt von Know-how eine entscheidende Rolle. Wenn hier nun die KI ins Spiel kommt, müssen laut Andreas Lorenz aber folgende vier Aspekte erfüllt bleiben: Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Diskretion und Empathie.

Wies auf die volkswirtschaftliche Bedeutung von Firmennachfolgen hin: CHDU-Präsident Hans Jürg Domenig. (Bild: Thomas Berner)

Unterschiedliche M&A-Kulturen

Was auffiel: Nicht wenige Teilnehmende am M&A Nachfolge-Forum kamen auch aus Deutschland. Interessant war deshalb eine vergleichende Betrachtung der Nachfolge-Thematik zwischen der Schweiz und ihrem nördlichen Nachbarland. Am deutlichsten sichtbar sind Unterschiede natürlich an den Zahlen: Während in der Schweiz bis 2030 etwa 90’000 Unternehmen vor einer Nachfolge stehen, sind es in Deutschland rund 570’000, 88 Prozent davon im Smallcap-Bereich. Ein anderer, grosser Unterschied zwischen den beiden Ländern: In der Schweiz ist der Anteil familieninterner Nachfolgen deutlich höher (41 Prozent). Und auch bei der Beraterlandschaft gibt es Unterschiede: In Deutschland ist diese stärker standardisiert, während sie in der Schweiz eher beziehungsorientiert ist.

Dass erfolgreiche Firmennachfolgen kaum ohne externe Beratung gelingen, zeigte auch das Best Practice-Beispiel des Stahl- und Baumaterial-Handelsunternehmens Pestalozzi AG. Dietrich Pestalozzi, Vertreter der 8. Generation, schilderte im Gespräch mit Carla Kaufmann, Vizepräsidentin CHDU, anekdotisch, wie die Übergabe an die neunte Generation gelungen ist. Externe Coaches und Anwälte wurden jeweils nach «Familien-Assessments» ausgewählt. Wichtig sei es aber immer, den Nachkommen Vertrauen zu geben und die Verantwortung gegenüber der Familie hochzuhalten, so Dietrich Pestalozzi.

Beispiel erfolgreicher Nachfolge im Familienunternehmen: Dietrich Pestalozzi im Gespräch mit Carla Kaufmann. (Bild: Thomas Berner)

In einem zweiten Praxisbeispiel ging René Spielmann, Verwaltungsrats-Delegierter und Mitinhaber der Rüetschi AG, einem Unternehmen, das auf eine mehr als 650 Jahre alte Geschichte zurückblicken kann, auf organisatorische Herausforderungen ein. Er zeigte auf, wie man mit stetiger Anpassung an neue Gegebenheiten als Unternehmen langfristig «überlebensfähig» bleibt. Dazu gehöre es auch, nicht nur dafür besorgt zu sein, immer genügend Geld zu verdienen, um die Saläre bezahlen zu können, sondern auch sich rechtzeitig um eine Nachfolge zu kümmern.

Unternehmensnachfolge: Als Thema in der Politik angekommen

Um die politische Komponente des Nachfolgethemas ging es zunächst im Referat von Dr. Simone Häberli, Ressortleiterin KMU-Politik beim SECO. Auch sie betonte die volkswirtschaftliche Relevanz von erfolgreichen Firmennachfolgen. «Eine Nachfolge ist in der Regel erfolgreicher als eine Neugründung», sagte sie mit Verweis auf die Tatsache, dass die Überlebensfähigkeit vieler Jungunternehmen etwa bei fünf Jahren liege. Nachfolge-Förderung ist deshalb auch ein Anliegen des Bundes, der dabei folgende Ansätze verfolgt: Informieren und sensibilisieren (über eine eigene KMU-Plattform), Kooperationen und den Dialog suchen sowie Finanzierungen erleichtern. Diesbezüglich besteht mit den vier Bürgschaftsgenossenschaften BGOst, BGMitte, Cautionnement Romand und BG Saffa (explizit für Unternehmerinnen) ein Zugang zu einer sicheren Finanzierung, indem diese bei den Banken für Darlehen in der Höhe von bis zu 1 Million Franken bürgen.

Dass ein stetiger Dialog zwischen Politik und Wirtschaft notwendig ist, zeigte sich schliesslich in der abschliessenden Podiumsdiskussion. Ein Thema war dabei auch die Motion von Nationalrat und Diskussionsteilnehmer Dominik Blunschy, die einen Abbau von Hürden bei der Unternehmensnachfolge fordert. Diese Motion wurde im April angenommen und verlangt vom Bundesrat, bestehende Benachteiligungen gegenüber Neugründungen zu beseitigen. Während alle bürgerlichen Fraktionen dieses Anliegen unterstützten, stimmte die SP dagegen. Dass nun das M&A Nachfolge-Forum ausgerechnet im Volkshaus – für manche ein Symbol für das sozialistische Zürich – stattfand, ist da wohl eine Ironie der Geschichte…

Hinweis: Das nächste M&A Nachfolge-Forum findet am 13. Mai 2027 statt. Weitere Informationen: www.nachfolgeforum.ch und www.chdu.ch

(Visited 299 times, 1 visits today)

Weitere Beiträge zum Thema