Riverside-Talk: «Das freie Internet gibt’s gar nicht mehr»

Beim ersten Riverside-Talk im Zürcher 25hours Hotel ging es um Plattformmacht, KI und die Frage, wie Unternehmen ihre Reputation in digitalen Abhängigkeiten noch steuern können. Martin Andree zeichnete ein düsteres Bild, Tanja Hollenstein und Diana Ingenhoff ordneten es für Führung, Vertrauen und Kommunikation ein.

Bilder: Samuel Schalch

Wer im Konferenzraum des 25hours Hotels an der Zürcher Langstrasse aus dem Fenster blickte, sah einen alten Aqui-Schriftzug. Ein Relikt aus Zeiten, als in Zürich noch Mineralwasser aus der Tiefe kam. Heute sprudelt es anders. Nicht aus Stadtzürcher Quellen, sondern aus den Entwicklungszentren der Techkonzerne. Sichtbarkeit, Reichweite, Daten, Aufmerksamkeit: Die neuen Ströme der Stadt sind digital. Und sie verlaufen nicht mehr frei.

Bild: Beat Hürlimann

Genau dort setzte der erste Riverside Talk vom 15. April an. Der Rahmen war bewusst intim gehalten, das Thema dafür umso grösser: «Die Macht der digitalen Medien: Steuern Algorithmen und KI unsere Reputation?» Eine Frage, die an diesem Ort beinahe eine zusätzliche Ironie erhielt. Denn nur wenige Schritte weiter beginnt jenes Zürcher Google-Land, in dem an YouTube, Maps und anderen globalen Produkten mitentwickelt wird. Drinnen sprach man an diesem Abend über die Folgen genau jener Plattformlogiken, die draussen den Takt der digitalen Gegenwart mitbestimmen.

Bilder: Samuel Schalch

Das Internet als Monopol und Friedhof

Den Auftakt machte Martin Andree, Medienexperte und Bestsellerautor. Und er tat das ohne Anlauf. Seine Diagnose war drastisch, seine Sprache bewusst zugespitzt. Wer das Internet noch immer als offenen Raum versteht, in dem sich Inhalte frei behaupten, bekam eine harte Gegenrede serviert. Andree zeigte eine Verteilungskurve digitaler Aufmerksamkeit, die in seiner Lesart kaum noch Wettbewerb kennt. Ein Dutzend Anbieter bündle praktisch die gesamte Nutzungszeit, der Rest liege, so seine zugespitzte Formel, «auf einem riesengrossen Friedhof».

Martin Andree (Bilder: Samuel Schalch)

Es war der Ton eines Weckrufs, nicht der einer akademischen Fussnote. Andree sprach von Monopolen, von regulatorischem Versagen und von Plattformen, die Nutzerinnen und Nutzer in ihren eigenen Systemen festhalten. Sein Bild vom Kaufhaus, das man zwar tiefer betreten, aber nicht mehr verlassen dürfe, war einfach, aber wirkungsvoll. Aus seiner Sicht ist das freie Internet nicht verschwunden, aber entleert: Es gibt noch Inhalte ausserhalb der Plattformen, nur fehlt ihnen der Verkehr. Aufmerksamkeit zirkuliert nicht mehr offen, sondern wird innerhalb weniger Systeme abgeschöpft und umgeleitet.

Besonders pointiert wurde Andree dort, wo er die Logik von Sichtbarkeit mit der Logik der Transaktion verknüpfte. Wer in der digitalen Welt verkaufen wolle, bewege sich durch einen Funnel, in dem die entscheidenden Tore längst von Monopolisten besetzt seien: Google bei der Suche, YouTube bei Gratis-Bewegtbild, Meta im Social-Bereich, Amazon bei der Transaktion selbst. Seine Frage an Unternehmen war deshalb weniger moralisch als ökonomisch: Wie will man in Zukunft überhaupt noch an Aufmerksamkeit, Daten und Abschlüsse kommen, wenn die Zugänge von wenigen Playern kontrolliert werden?

Vom Medienproblem zur Managementfrage

Gerade darin lag die Stärke seines Auftritts. Andree sprach nicht nur über Medien und Demokratie, sondern verschob das Problem direkt in die Vorstandsetagen. Wer glaube, Plattformmacht sei in erster Linie ein publizistisches Thema, greife zu kurz. Sie sei längst ein Geschäftsmodellthema. Content Marketing werde immer teurer, organische Sichtbarkeit immer knapper, Abhängigkeiten von den grossen Gatekeepern immer grösser. Selbst Unternehmen, die sich nicht für medienpolitische Fragen interessieren, müssten sich fragen, wie sie unter diesen Bedingungen noch eigenständig wirtschaften wollen.

Bilder: Samuel Schalch

Dass er dabei auch den Blick auf generative KI und ChatGPT richtete, war folgerichtig. Wenn künftig eine KI die Produktempfehlung ausspiele, verschiebe sich der Machtpunkt nur noch weiter. Dann entscheidet nicht mehr bloss eine Suchmaschine über Sichtbarkeit, sondern ein System, das aus einer Vielzahl von Möglichkeiten genau eine auswählt. Andree nannte das in seiner typisch zugespitzten Art eine Art feudalistischen Wege-Zoll. Entweder man werde empfohlen – oder man existiere nicht.

Man muss nicht jede seiner Formulierungen teilen, um den Kern seiner Botschaft ernst zu nehmen. Der erste Riverside Talk begann damit nicht als gemütlicher After-Work-Anlass, sondern als Alarmruf. Und genau das verlieh dem Abend seinen Puls.

Vertrauen in einer Welt der plausiblen Fälschung

Nach dieser wuchtigen Diagnose kippte die Diskussion nicht ins Resignative, sondern in eine zweite, für Unternehmen fast noch heiklere Ebene: Wenn digitale Räume von Plattformlogik, KI und synthetischen Inhalten geprägt sind, wie lässt sich dann überhaupt noch Reputation gestalten?

Tanja Hollenstein, Strategie- und Kommunikationsexpertin, zog die Perspektive weg von der Systemkritik hin zur Führungsfrage. Vertrauen, so die zentrale Linie ihres Inputs, wird zur knappsten Währung. Sie verwies auf Studien, wonach drei Viertel der Bevölkerung bereits KI-Hilfen nutzen, das Vertrauen in diese Systeme aber deutlich tiefer bleibt – und gleichzeitig viele ihre Resultate kaum überprüfen. Der Satz, den sie in den Raum stellte, sass: Wir vertrauen eigentlich Menschen, fragen aber Maschinen.

Tanja Hollenstein (Bilder: Samuel Schalch)

Damit beschrieb Hollenstein ein Dilemma, das Unternehmen sehr direkt betrifft. Informationen zirkulieren heute in fragmentierten Öffentlichkeiten, Themen werden in Netzwerken hochgeschoben, Fehler nicht mehr verziehen. Zugleich stehen Organisationen unter Druck, Haltung zu zeigen, Transparenz zu liefern, schnell zu reagieren und dennoch glaubwürdig zu bleiben. Für Hollenstein liegt die Grundlage von Vertrauen deshalb nicht bloss in reaktiver Kommunikation, sondern im Zusammenspiel von Selbstverständnis, Strategie und Kommunikation. Wenn diese drei Ebenen nicht aufeinander abgestimmt sind, bricht Reputation im Krisenmoment rasch weg.

Bemerkenswert war dabei, dass sie Kommunikation nicht als kosmetische Disziplin beschrieb. Eher im Gegenteil. Kommunikation soll nicht flicken, was vorher strategisch ungeklärt blieb. Sie kann nur dann tragen, wenn Entscheidungsgrundlagen im Unternehmen vorhanden sind – und zwar bevor der Shitstorm, das Deepfake oder die Fehlwahrnehmung da ist.

Wenn Plausibilität stärker wird als Verifikation

Im anschliessenden Gespräch mit Diana Ingenhoff, Kommunikationswissenschaftlerin und Medienforscherin, gewann der Abend nochmals an Tiefe. Moderiert von Hans Peter Riegel, der mit KI-generierten Trump-Memes die Nähe von Satire, Manipulation und visueller Perfektion vorführte, ging es um die soziokulturelle Verschiebung hinter dem Vertrauensproblem.

Ingenhoff formulierte einen Satz, der hängen bleibt: Es geht immer weniger darum, ob etwas verifiziert ist – sondern ob es in den eigenen Deutungsrahmen passt. Genau darin liege die eigentliche Verschiebung. In einer von synthetischer visueller Kommunikation geprägten Medienwelt werde Plausibilität oft stärker als Wahrheit. Bilder, Memes und KI-generierte Inhalte wirken nicht deshalb, weil sie korrekt sind, sondern weil sie anschlussfähig sind.

Diana Ingenhoff (Bild: Samuel Schalch)

Für Unternehmen ist das eine unangenehme Einsicht. Denn gegen ein virales, emotional starkes, aber falsches Narrativ kommt man mit einer nüchternen Richtigstellung oft zu spät oder zu schwach an. Ingenhoff machte denn auch keine falschen Versprechen. Man könne nicht mehr alles managen. Wer heute Reputation führen wolle, müsse zuerst akzeptieren, dass vollständige Kontrolle Illusion geworden ist.

Hans-Peter Riegel (rechts) Foto: Samuel Schalch

Gerade deshalb gewinnt Vorbereitung an Gewicht. Social Listening, ein präzises Verständnis der relevanten Stakeholder, ein klarer Werterahmen, funktionierende Prozesse und geübte Reaktionsmuster: Das sind keine Kürprogramme mehr, sondern Voraussetzungen. Reputation entsteht in dieser Logik nicht erst in der Krise, sondern lange davor.

Der Mensch bleibt das Nadelöhr

Spannend war, dass der Abend trotz aller Technologiedebatte immer wieder beim Menschen landete. Hollenstein sprach von Führung, Enabling und strategischer Agilität. Ingenhoff betonte Medienkompetenz, Weiterbildung und die sinkende Fähigkeit, Inhalte überhaupt noch einzuordnen. Und Riegel legte den Finger auf einen wunden Punkt vieler Organisationen: Auch in Managements fehlt oft das tiefe Verständnis für digitale Mechanismen, obwohl deren wirtschaftliche Folgen längst real sind.

Gerade darin lag vielleicht die produktivste Erkenntnis des Abends. Nicht die Technik allein ist das Problem, sondern der gesellschaftliche und organisatorische Umgang mit ihr. Wer Algorithmen, Plattformen und KI nur technisch versteht, versteht sie zu wenig. Wer sie nur kommunikativ bespielt, ebenfalls. Es braucht ein breiteres Verständnis dafür, wie Sichtbarkeit, Glauben, Emotion und Macht heute zusammenspielen.

Oder zugespitzt: Reputation ist nicht mehr nur das Resultat guter Arbeit und kluger Kommunikation. Sie ist zunehmend auch das Resultat jener Systeme, in denen Wahrnehmung verteilt, verstärkt und verzerrt wird.

Ein Auftakt mit Reibung

Der erste Riverside Talk hatte damit genau das, was ein neues Format braucht: Reibung, Zuspitzung und genügend offene Flanken für Widerspruch. Martin Andree brachte den Schock. Tanja Hollenstein übersetzte ihn in Führungs- und Kommunikationsfragen. Diana Ingenhoff zeigte, dass die eigentliche Herausforderung noch tiefer sitzt – in unseren Deutungsmustern, in unserer Medienkompetenz und in einer Öffentlichkeit, die sich immer stärker in Teilrealitäten aufspaltet.

Draussen prangerte der alte Aqui-Schriftzug. Drinnen ging es längst nicht mehr um Wasser, sondern um die Ströme der Aufmerksamkeit. Wer sie lenkt, lenkt nicht alles. Aber sehr viel. Und genau deshalb war dieser Abend mehr als ein weiterer Talk über Digitalisierung. Er war ein Hinweis darauf, dass Reputation heute nicht mehr nur gepflegt werden will. Sie muss in einem zunehmend unübersichtlichen System verteidigt, erklärt und immer wieder neu erarbeitet werden.

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