KI ist kein Ersatz für Führung

Künstliche Intelligenz kann Management-Entscheidungen vorbereiten, aber nicht verantwortungsvoll treffen. Das betont der Interim Manager und KI-Experte Eckhart Hilgenstock. Er warnt davor, die Entwicklungen in der Beratungsbranche unreflektiert auf den Mittelstand zu übertragen.

KI-Experte und Interim Manager Eckhart Hilgenstock warnt vor der Gefahr, zu viel an die künstliche Intelligenz zu delegieren. (Bild: zVg / Eckhart Hilgenstock)

«Künstliche Intelligenz ist kein Ersatz für Führungsqualität», stellt der Management-Experte Eckhart Hilgenstock klar. Der Hamburger Fachmann für Künstliche Intelligenz im Management will damit der Vorstellung entgegentreten, KI könnte künftig die Entscheidungsgewalt in Unternehmen übernehmen.

Der frühere Partner bei der Boston Consulting Group (BCG), der heute als Interim Manager für KI-Projekte engagiert wird, rät zur Differenzierung: «Wenn McKinsey 5.000 Berater entlässt und durch KI ersetzt, dann deswegen, weil diese lediglich Zuarbeiten statt Führungsaufgaben zu erledigen hatten.» Dieser Trend werde sich fortsetzen: Primär mit Verwaltungstätigkeiten befasste Manager würden sich zunehmend in der Arbeitslosigkeit wiederfinden, während die Position von wirklichen Entscheidern gestärkt werde. «Denn Künstliche Intelligenz ist bestens geeignet, um Entscheidungen vorzubereiten, aber nicht, um diese verantwortungsvoll zu treffen», so Hilgenstock.

Fünf Minuten statt fünf Tage

«Viele meiner ehemaligen Kollegen sind nervös», weiss Eckhart Hilgenstock, der jahrelang als Partner bei BCG tätig war. Doch auch hierbei sei zu differenzieren. Als Insider kennt er die Beraterbranche: «Die Zeit, als Junior Consultants Marktanalysen erstellten und dann für eine Woche Arbeit 50.000 Euro für deskriptive Daten berechnet wurden, ist vorbei. Heute erledigt das ChatGPT in fünf Minuten, mit Nacharbeitung höchstens fünf Stunden, aber niemals fünf Tage.»

Während in der Branche schon vom «Ende des Consultings» die Rede sei, weist Eckhart Hilgenstock auf ein anderes Problem hin: die «falsche Übertragung der Entwicklungen in der Beratungsbranche auf den Mittelstand». Der Management-Experte, der heute als Führungskraft auf Zeit und Beirat in der mittelständischen Wirtschaft tätig ist, erklärt: «Immer häufiger fragen mich Inhaber, Geschäftsführer und Vorstände aus mittelständischen Unternehmen, ob sie dem Beispiel von McKinsey folgen und ihr Management ebenfalls durch KI-Software ersetzen sollen. Doch das ist in der Regel der falsche Weg.»

Nähe zum Kunden als Erfolgsfaktor

Er begründet: «Kleine und mittlere Betriebe sind meistens deshalb so erfolgreich, weil sie näher am Kunden und am Markt sind und schneller die richtigen Entscheidungen treffen. Diese Nähe und Flexibilität basieren im Allgemeinen auf Führungsqualitäten, die gerade nicht durch Künstliche Intelligenz zu ersetzen sind. Natürlich muss auch im Mittelstand automatisiert werden und KI spielt dabei eine Schlüsselrolle, aber weniger auf der Führungsebene.»

Eckhart Hilgenstock stellt klar: «Künstliche Intelligenz liefert im besten Fall die Datenbasis, um bessere Entscheidungen zu treffen. Aber wer als Manager Entscheidungen an die KI delegiert, hat seinen Job verfehlt.» Bei mittelständischen Management- und Beiratsmandaten werde ihm des Öfteren die Frage gestellt, ob KI nicht ganze Abteilungen ersetzen könnte, beispielsweise das Finanzwesen. Nach sorgfältiger Analyse komme er regelmässig zu dem Schluss, dass die KI die Produktivität und Effizienz deutlich erhöhen kann, aber in keinem einzigen Fall «auf menschliche Faktoren wie Ehrgeiz, Fingerspitzengefühl, Markt- und Kundennähe, Empathie und Entscheidungskraft» verzichtet werden sollte.

Beispiele aus der Praxis

Der Experte gibt ein Beispiel aus dem Finanzsektor: «Natürlich sollte man heutzutage KI nutzen, um fortlaufend Liquiditätsprognosen erstellen zu lassen. Aber es wäre grob fahrlässig, die Fragen, wie Zahlungsverzögerungen bei einem bestimmten Kunden zu interpretieren sind oder ob man bei einem neuen Auftrag ins Risiko gehen sollte, der KI zu überlassen.»

Als weiteres Beispiel verweist er auf den Vertrieb: «Beim Business Development gehört Künstliche Intelligenz zu den grössten Hebeln, um neue Kunden zu gewinnen und zusätzliche Umsatzquellen zu erschliessen. Aber das funktioniert nur, wenn die Menschen im Vertrieb motiviert sind und den Umgang mit der KI beherrschen.»

Gleiches gelte für neue Geschäftsmodelle: «Ich werde im Rahmen meiner Mandate als Beirat und Interim Manager immer häufiger gebeten, Ausschau nach neuen KI-basierten Geschäftsmodellen zu halten. In allen Fällen kann ich entsprechende Vorschläge unterbreiten, aber die Entscheidung, welchen Weg ein Unternehmen strategisch einschlagen will, ist eine Führungsaufgabe, die letztlich der Inhaber, Geschäftsführer oder Vorstand zu treffen hat.»

Eckhart Hilgenstock zählt zu den meistgefragten Interim Managern in Deutschland. Unternehmen holen ihn regelmässig als Führungskraft auf Zeit in den Betrieb, wenn es um die Themen profitables Wachstum und Vertrieb sowie Digitalisierung und den KI-Einsatz in Organisationen geht. Seine Erfahrungen hat er unter anderem gesammelt als General Manager EMEA Sales Global Accounts bei Microsoft sowie zuvor als Managing Director DACH bei Lotus Development und IBM Deutschland. Er ist Mitglied im Diplomatic Council und Autor des Buches «KI-Einsatz in Unternehmen: Chancen, Risiken, Erfolge».

https://hilgenstock-hamburg.de

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