US-Zollurteil: Schweiz und aufstrebende Märkte profitieren von neuer Unsicherheit
Der Oberste Gerichtshof der USA hat zentrale Zölle gekippt, doch das Zollsystem bleibt bestehen. Die Schweiz könnte neben Brasilien, China und anderen Ländern von einem Zeitfenster im neuen Zollregime profitieren. Für Unternehmen bedeutet das Urteil jedoch weitere Unsicherheit und eine neue Runde von Hamsterkäufen.

Der Oberste Gerichtshof der USA hat einen Teil der US-Zölle für verfassungswidrig erklärt – jedoch nicht das neue Zollsystem insgesamt. In einer 6-zu-3-Entscheidung urteilte das Gericht am 20. Februar, dass der International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) keine Rechtsgrundlage für die am «Liberation Day» angekündigten Reziprozitätszölle bietet. Die auf Eis gelegten Zölle entsprechen rund 60 Prozent der US-Zolleinnahmen seit April 2025. Das Urteil invalidiert Zölle im Wert von rund 60 Milliarden US-Dollar sowie die Fentanyl-Notfallzölle auf China, Mexiko und Kanada in Höhe von weiteren 40 Milliarden Dollar.
Halbierung des Zollsatzes – aber nur vorübergehend
Durch das Gerichtsurteil halbiert sich der effektive US-Zollsatz auf etwa fünf Prozent. Allerdings bleiben bedeutende Teile des Zollregimes bestehen: Section 301 des Handelsgesetzes mit 25-prozentigen Zöllen auf Industriemaschinen, elektrische Geräte und weitere Produkte aus China sowie Section 232 auf Stahl und Aluminium. Präsident Trump bekräftigte bereits seine Pläne für einen universellen Mindestzollsatz von zehn Prozent. Als Ersatzinstrument dient voraussichtlich Section 122 des Handelsgesetzes von 1974, der Zölle von bis zu 15 Prozent für 150 Tage erlaubt.
Die Atempause dürfte nur von kurzer Dauer sein. «Das Zollurteil verschafft einigen Ländern zwar mehr Luft, voraussichtlich auch über einen etwas längeren Zeitraum», sagt Ana Boata, Head of Economic Research bei Allianz Trade. «Aber die USA haben schon neue Zölle an den Start gebracht, bei denen Abschnitt 122 des Handelsgesetzes die für ungültig erklärten Zölle ersetzt.»
Gewinner und Verlierer der Neuordnung
Die grössten Zollentlastungen durch das Urteil verzeichnen aktuell Bangladesch (minus 20 Prozentpunkte) und Pakistan (minus 19 Prozentpunkte) sowie grosse aufstrebende Exporteure wie Indonesien (minus 18 Prozentpunkte), Brasilien (minus 17 Prozentpunkte), China (minus 15 Prozentpunkte) und Vietnam (minus 15 Prozentpunkte). Auch Südafrika (minus 15 Prozentpunkte), die Türkei und Indien (jeweils minus 12 Prozentpunkte) profitieren von niedrigeren Zöllen.
Unter einem Section-122-Regime mit Branchenausnahmen würden insbesondere Brasilien, Bangladesch, Indien, China, Pakistan, die Schweiz, Südafrika, Vietnam und Indonesien begünstigt. Exporteure aus diesen Märkten könnten von einer Senkung des durchschnittlichen US-Zollsatzes um mindestens zehn Prozentpunkte gegenüber dem bisherigen Niveau profitieren. Im Gegensatz dazu könnten Saudi-Arabien, Mexiko und Ecuador sowie Taiwan, Norwegen, Südkorea oder die Europäische Union höhere Zölle drohen, falls keine sektoralen Ausnahmen gewährt werden.

Unsicherheit für Schweizer Unternehmen
«Für die Schweiz kommt das Urteil zur Unzeit», sagt Jan Möllmann, CEO von Allianz Trade in der Schweiz. «Das angestrebte Handelsabkommen sollte endlich mehr Planbarkeit für hiesige Unternehmen schaffen. Diese hängen dank der Stop-and-Go-Politik nun weiter in der Luft.» Bei einem neuen Zollsystem seien gerade für die Schweiz Ausnahmen für bestimmte Branchen, wie beispielsweise Pharma, entscheidend.
Das Zeitfenster in Section 122 ist per Definition befristet: Nach 150 Tagen ist die Zustimmung des Kongresses erforderlich. Das dürfte zu einer Vorverlegung von Lieferungen aus begünstigten Märkten führen, bevor es zu weiteren Zollanhebungen gemäss anderen Abschnitten kommt.
Neue Runde der Lagerhaltung in den USA
Das Zoll-Chaos führt in den USA zu einer erneuten Welle von Hamsterkäufen. «Schon 2025 waren die Lager voll und Vorzieheffekte vor neuen Zollstufen die neue Normalität», erklärt Boata. «Insbesondere Hersteller von Autos und Haushaltsgeräten haben ihre Lager gefüllt, aber auch der Einzelhandel und die Chemieindustrie haben mit mehr Waren bei längeren Beschaffungszyklen vorgesorgt.»
Die Working Capital Requirements (WCR) in den USA stiegen im dritten Quartal 2025 um mehr als 35 Tage auf über 60 Tage. Besonders betroffen waren Automobilhersteller und Produzenten von Haushaltsgeräten – die beiden Sektoren mit der höchsten Exposition gegenüber Zollerhöhungen. Ein erneuter vorsorglicher Lagerzyklus dürfte die US-WCR auf ihren Höchstständen von 2025 halten.
Fiskalische und inflationäre Auswirkungen
Die höheren Zollkosten wurden bislang (bis Dezember 2025) nur zur Hälfte an die Verbraucher weitergegeben. Die grössten Auswirkungen werden voraussichtlich erst deutlich zeitversetzt ab dem ersten Quartal 2027 erwartet, mit einem zusätzlichen Inflationsbeitrag von einem Prozentpunkt bei einem durchschnittlichen Zollsatz von zehn Prozent.
Seit dem «Liberation Day» sind die US-Zolleinnahmen auf 240 Milliarden Dollar gestiegen – 180 Milliarden Dollar mehr als im Vorjahreszeitraum. IEEPA-verknüpfte Massnahmen machten dabei fast 60 Prozent der zusätzlichen Zolleinnahmen aus. Sollten die Zölle als rückwirkend rechtswidrig eingestuft werden, könnten Rückerstattungsverbindlichkeiten 120 Milliarden Dollar (0,5 Prozent des BIP) erreichen und das Haushaltsdefizit auf 7,5 Prozent des BIP ausweiten.
Märkte reagieren verhalten
Die Reaktionen an den Finanzmärkten fielen gemessen aus. Der S&P 500 legte um 0,7 Prozent zu, in Europa stiegen die Märkte um etwa 0,9 Prozent. Analysten erwarten, dass die kurzfristigen Aufwärtseffekte durch Unsicherheit gedämpft werden könnten. Ein Wachstumsimpuls von 0,5 Prozent könnte die Unternehmensgewinne um etwa ein Prozent steigern – bescheiden im Vergleich zu den für 2026 erwarteten 16 Prozent Gewinnwachstum beim S&P 500.
«Es wird in den kommenden Wochen und Monaten weiterhin ein Hin und Her bleiben», prognostiziert Boata. «Wir erwarten im Endeffekt einen durchschnittlichen Zollsatz von zehn Prozent gemäss Section 122 mit sektoralen Ausnahmen. Insgesamt dürfte sich also trotz der gekippten Zölle mittelfristig nur wenig ändern. Allerdings kann es für einige Länder und Branchen durchaus Ausschläge geben, wenn die Karten jetzt nochmals neu gemischt werden.»
Weitere Informationen: www.allianz-trade.ch
