Resilient statt reaktiv: Wie die Elektronikindustrie Lieferkettenengpässe übersteht
Die anhaltenden geopolitischen Spannungen rund um die Strasse von Hormus setzen globale Lieferketten unter Druck – auch in der Elektronikindustrie. Christian Reinwald, Head of Product Management & Marketing bei Reichelt Elektronik, erklärt, welche Rohstoffe besonders betroffen sind und wie Einkäufer:innen jetzt reagieren können.

Je länger die Friedensverhandlungen zwischen Iran und den USA ergebnislos bleiben und die Sperrung der Strasse von Hormus anhält, umso nervöser wird der Welthandel. Nicht nur steigende Ölpreise bereiten Unternehmen weltweit Sorgen – je länger Unsicherheit die Lage bestimmt, desto stärker wirken sich Lieferengpässe bei Edelgasen oder seltenen Erden aus. Christian Reinwald, Head of Product Management & Marketing bei Reichelt Elektronik, ordnet ein, in welchen Bereichen es eng wird und wie Einkäufer:innen angesichts der anhaltenden Lage reagieren können.
Auswirkungen auf die Wirtschaft
Ein Blick nach Deutschland zeigt, dass dort 90 Prozent aller Unternehmen laut einer aktuellen Studie des Ifo-Instituts Beeinträchtigungen ihres Geschäfts erwarten. Zu den Gründen zählen nicht nur steigende Energiekosten, sondern auch Einschränkungen bei Schifffahrtswegen, höhere Frachtkosten und Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten und Rohstoffen. Davon sind derzeit vor allem der Energiesektor, die Landwirtschaft und die Chemieindustrie betroffen. Doch auch in der Elektronikindustrie gibt es Grund zur Beunruhigung: Besonders die Handelswege für Rohstoffe wie Schwefel, Helium oder Wolfram, die aus der betroffenen Region stammen oder ihren Seeweg über den Persischen Golf nehmen, sind blockiert.
Aufgrund der hohen Benzinpreise erleben Elektrofahrzeuge besonders grosses Kaufinteresse. Für die Herstellung ihrer Batterien ist Schwefel unverzichtbar. Doch 50 Prozent des weltweiten Seetransports von Schwefel laufen über den Persischen Golf. Sollte die Lieferkette hier abreissen, könnte das ernste Auswirkungen auf die Elektromobil-Produktion in Europa und weltweit haben. Besonders besorgniserregend ist, dass die Vorräte wahrscheinlich nur noch etwa fünf Wochen reichen.
Wenn die Lieferketten langfristig gestört bleiben
Einige Folgen der aktuellen Disruption werden erst mit Verzögerung eintreten. Bleiben heute die Maschinen in asiatischen Fabriken aufgrund des Erdölengpasses still, führt das einige Wochen später zu Aluminiumknappheit in der europäischen Automobilindustrie.
Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Rohstoff Helium. Das Edelgas wird für die Kühlung hochpräziser Produktionsanlagen genutzt und ist damit elementar für die Halbleiterfertigung. Der Nahe Osten ist für ein Drittel der weltweiten Heliumproduktion zuständig. Bereits 2022 kam es durch Lieferschwierigkeiten – und einen durch Sanktionen im Ukrainekrieg langanhaltenden Produktionsausfall in einer russischen Fabrik – zu einem kritischen Engpass bei südkoreanischen Hersteller:innen. Diese hatten bis dahin auf wenige grosse Lieferanten gesetzt und bezogen beispielsweise mehr als die Hälfte ihres Heliums aus den Golfstaaten.
Seit 2022 verfolgen sie eine Diversifizierungsstrategie und haben ihren Einkauf breiter aufgestellt. Zudem legten sie höhere Lagerbestände an. Viele Abnehmer:innen verfügen heute über Vorräte, die mehrere Wochen oder sogar Monate halten.
Von Hamsterkäufen wird abgeraten
Derzeit gibt es noch keine akuten Versorgungsprobleme, doch erste Hamsterkäufe sorgen bereits für Unsicherheiten und lassen Preise in die Höhe schnellen. Dabei spricht viel dafür, dass die Weltwirtschaft diese Krise gut bestehen kann: Breitere Handelsströme bleiben weitgehend intakt. Die Folgen werden deutlich milder ausfallen als etwa die Corona-Lockdowns in China. Zudem haben Unternehmen aus vergangenen Krisen gelernt und sind heute resilienter aufgestellt.
Im letztjährigen Lieferkettenreport von Reichelt Elektronik gaben mehr als die Hälfte der Industrieunternehmen (52%) an, ihre Lieferketten diversifiziert zu haben. Beinahe ebenso viele (46%) suchen nach Lieferanten in ihrer Region (Onshoring). Südkoreanische Halbleiterproduzenten sind also nicht die einzigen, die aus früheren Engpässen gelernt haben.
Die Balance finden: kurzfristiges und langfristiges Risikomanagement
Unternehmen sind heute besser auf Krisen vorbereitet – doch Krisen sind durch die internationale Vernetzung auch häufiger und folgenschwerer geworden. Seit der Corona-Pandemie befinden sich viele Unternehmen in einer Dauerkrise. Resilienz und Reserven neigen sich in einigen Fällen dem Ende zu.
Eine besondere Schwierigkeit besteht darin, antizipierte Krisenfälle bei laufendem Betrieb vorbereitend zu adressieren. Der Kostendruck verhindert oft, dass Unternehmen in Diversifizierung oder den Ausbau von Resilienzsystemen investieren. So zeigt der bereits zitierte Lieferkettenreport, dass sich 41 Prozent der Befragten bereits letztes Jahr wegen eines möglichen Flächenbrandes im Nahen Osten Sorgen gemacht haben – während dieselben Unternehmen gleichzeitig unter hohem Kostendruck standen: 79 Prozent beklagten Preiserhöhungen bei kritischen Bauteilen, fast ebenso viele litten unter hohen Energiekosten (67%).
Fazit: Aus Krisen lernen
Vorausschauendes Risikomanagement wird immer wichtiger. Dazu zählen nicht nur das Identifizieren alternativer Lieferanten und der überlegte Ausbau von Lagerbeständen, sondern auch das schrittweise Aufbauen flexibler Produktionsprozesse. So können Unternehmen in krisengeschüttelten Zeiten Spannungen managen und überstehen.
Die beschriebene Abhängigkeit von Helium ist nur ein Beispiel. Ähnliche Abhängigkeiten bestehen bei Seltenen Erden, Lithium oder weiteren Rohstoffen. Langfristig ist deshalb auch angeraten, Recycling-Fähigkeiten so auszubauen, dass nach der Entsorgung besonders gefragte Rohstoffe extrahiert und in neue Produktlebenszyklen übergehen können. Auch die Forschung an alternativen Materialien und eine noch breitere Diversifizierung – etwa mit neuen Handelspartner:innen in unterschiedlichen Regionen – werden Unternehmen langfristig krisenfester machen.
Quelle und weitere Informationen: www.reichelt.de
