Neue Denkfabrik einstAIn: Wie KI den Wohlstand der Schweiz sichern soll

Mit der Lancierung der Denkfabrik «einstAIn» reagieren Angestellte Schweiz und Kuble auf die rasante KI-Transformation der Arbeitswelt. Ein erster Report identifiziert acht zentrale Herausforderungen für die Schweiz und zeigt: Künstliche Intelligenz ist kein Jobkiller, sondern ein Wohlstandsverstärker – sofern sie strategisch gestaltet wird.

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Quelle: zvg

Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt schneller, als viele reagieren können. Mit der neu initiierten Denkfabrik «einstAIn» wollen Angestellte Schweiz und Kuble – House of Intelligence die KI-Transformation in der Schweiz aktiv, fair und zukunftsfähig gestalten. Die Plattform bringt Unternehmen, Arbeitnehmende, Wissenschaft und Politik zusammen und übersetzt globale und Schweizer Studien in klare Handlungsempfehlungen.

Rahmenbedingungen von Arbeit unter Druck

«Auf den ersten Blick mag es ungewöhnlich erscheinen, dass ein Arbeitnehmerverband einen Think Tank gründet. Doch die Dynamik der Künstlichen Intelligenz stellt etablierte Modelle infrage», sagt Alexander Bélaz, Präsident von Angestellte Schweiz. Bisher galt: Wer acht Stunden arbeitet, bekommt acht Stunden bezahlt. Doch mit KI kann jemand in zwei Stunden schaffen, wofür er früher einen ganzen Tag brauchte. Wenn künftig nicht mehr Arbeitszeit, sondern generierter Wert zählt, müssen wir als Gemeinschaft klären, wie Produktivitätsgewinne verteilt werden, damit Arbeitnehmende nicht auf der Strecke bleiben.

Acht zentrale Herausforderungen

Die Denkfabrik verdichtet Erkenntnisse aus internationalen und Schweizer Studien und leitet daraus konkrete Handlungsfelder ab. Ein erster Report identifiziert acht zentrale Herausforderungen für die Schweiz. Er macht deutlich: Für die Schweiz ist Künstliche Intelligenz kein Zukunftsversprechen, sondern ein Prüfstein für ihren Wohlstand. In einem Hochlohnland mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung lassen sich Wettbewerbsfähigkeit, Sozialwerke und Einkommen nur sichern, wenn die Produktivität steigt und der Innovations-Vorsprung verteidigt wird.

«Demografie heisst: Das Arbeitskräfteangebot schrumpft, der Bedarf bleibt. Wir müssen KI als Chance nutzen, um die Arbeitsproduktivität zu erhöhen – und so den Wohlstand in der Schweiz zu sichern», sagt Patrick Chuard, Chefökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband.

Bedarf an Strategie und neuen Kompetenzen

Gleichzeitig zeigt sich eine gefährliche Schieflage in vielen Unternehmen. Während Mitarbeitende KI längst informell und pragmatisch einsetzen, fehlt es in zahlreichen Führungsetagen an klarer Strategie und Verantwortung. Es ist riskant, KI auf einfache, isoliert eingesetzte Tools zu reduzieren. Wer Rollen und Prozesse nicht neu denkt, verschenkt Produktivität und verschärft Unsicherheit, statt Wertschöpfung zu schaffen.

«Das KI-Zeitalter erfordert veränderte Arbeitsweisen und neue Kompetenzen. Deren Identifizierung ist entscheidend – für die Selbstentwicklung der Mitarbeitenden, das Skills-Management in Unternehmen und für die Bildung, um heutige und zukünftige Arbeitskräfte bestmöglich vorzubereiten», sagt David Gisler, Talent Acquisition Lead bei Siemens.

Wertverlust der Berufe und Qualifikationen

Für Arbeitnehmende bedeutet diese Transformation einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Arbeitsplatzsicherheit wird zunehmend durch Beschäftigungsfähigkeit ersetzt. KI entwertet nicht ganze Berufe auf einen Schlag, sondern Aufgaben, Routinen und bestehende Qualifikationen. Ohne neue Kompetenzprofile und eine breite, tiefgehende «AI Literacy» droht eine strukturelle Spaltung des Arbeitsmarkts – zwischen jenen, die KI produktiv einsetzen können, und jenen, deren Arbeit schleichend an Wert verliert.

«KI wird die Wertschöpfung in der Schweiz grundlegend verändern. Damit wir diese Transformation selbstbestimmt gestalten können, brauchen wir eigene Forschungskapazitäten und offene Technologien, die transparent, rechtskonform und für alle zugänglich sind», sagt Imanol Schlag, AI Research Scientist am ETH AI Center.

Erwartete politische Antworten

Auch politisch ist Abwarten keine Option. Unklare regulatorische Rahmenbedingungen bremsen Innovation und Investitionen stärker als technologische Grenzen, während die Abhängigkeit von wenigen globalen Anbietern kontinuierlich wächst. Wer digitale Souveränität, Datensicherheit und Rechtssicherheit nicht aktiv gestaltet, riskiert, Wertschöpfung und Gestaltungsmacht aus der Hand zu geben.

«KI verändert unsere Arbeits- und Lebenswelt rasant. Umso wichtiger sind klare, faire Regeln, die Vertrauen schaffen, ohne Innovation zu bremsen. Mit gezielter Bildung und Sensibilisierung sorgen wir dafür, dass KI dem gesellschaftlichen Zusammenhalt dient und demokratisch legitimiert gestaltet wird», sagt Dominik Blunschy, Nationalrat und Advisor Digital Business & Innovation bei ti&m.

Breite Advisory Community

Die Denkfabrik wird von einer interdisziplinären Advisory Community getragen, die Arbeitgeber, Arbeitnehmende, Politik und Wissenschaft vereint. Unterschiedliche Perspektiven und teils konträre Erfahrungen sind ausdrücklich Teil des Prozesses. Der Austausch zwischen aktueller Forschung und praktischer Anwendung ist entscheidend, um realistische und gesellschaftlich tragfähige Leitlinien für den KI-getriebenen Wandel zu entwickeln.

«Alle Akteure aus Wirtschaft, Politik, Arbeit und Wissenschaft sind herzlich eingeladen, den Dialog aktiv mitzugestalten und gemeinsam Verantwortung für die Zukunft der Arbeit zu übernehmen. Mit einem breiten Dialog, einem vertieften Wissensaustausch und mutigem Handeln vergrössern wir die Chance, die Erfolgsgeschichte der Schweiz im Zeitalter der Intelligenz fortzuführen», sagt Roger Oberholzer, Partner und Academy-Lead bei Kuble – House of Intelligence.

Die zentrale Erkenntnis des Reports ist klar: Künstliche Intelligenz ist kein Jobkiller, sondern ein Wohlstandsverstärker – sofern sie strategisch geführt, breit qualifiziert und verantwortungsvoll reguliert wird. Ob KI für die Schweiz zur Chance oder zur Belastung wird, entscheidet sich nicht im Code, sondern in den Entscheidungen von Unternehmen, Politik und Gesellschaft – und zwar jetzt.

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