Die unsichtbare Bremse im Führungssystem

Georg Simon Ohm beschäftigte sich zeitlebens mit einem Phänomen, das auf den ersten Blick banal klingt: Je grösser der Widerstand in einem Stromkreis, desto weniger Energie fliesst hindurch. Dieses Gesetz trägt heute seinen Namen – und es ist erstaunlich präzise, wenn man es auf Organisationen überträgt.

Der Kampf gegen Widerstände ist in einem Führungssystem recht häufig. (Bild: Depositphotos.com)

Das Prinzip des Ohm’schen Gesetzes lässt sich auch in Führungssystemen beobachten: Wo organisatorischer Widerstand zunimmt – zu viele Abstimmungsschleifen, fehlende Klarheit, unklare Verantwortlichkeiten – fliesst auch die Energie der Menschen langsamer und weniger gerichtet. Irgendwann fast gar nicht mehr.

Ein unterschätztes Phänomen

In Gesprächen mit Führungskräften taucht ein Satz immer häufiger auf: «Es wird schwieriger, gute Leute zu finden – und noch schwieriger, sie zu halten.» Das mag stimmen. Doch es lohnt sich, genauer hinzusehen. Denn oft liegt die eigentliche Ursache nicht draussen am Markt, sondern im eigenen System.

Viele Führungsstrukturen wurden in einer Zeit entworfen, die es so nicht mehr gibt. Hierarchien, die ursprünglich für Stabilität sorgten, erzeugen heute manchmal das Gegenteil: Entscheidungen dauern zu lang, Zuständigkeiten sind unklar, Energie geht in Koordination statt in Wirkung. Das Resultat ist ein stiller, schleichender Energieverlust, den man nicht sofort sieht, aber deutlich spürt.

Widerstand sichtbar machen

Ich beobachte in der Praxis regelmässig, dass Führungskräfte diesen Widerstand lange nicht als solchen erkennen. Er zeigt sich nicht als Krise, sondern in kleinen Symptomen: Meetings, die keine Entscheidungen produzieren. Projekte, die sich in der Abstimmung verlieren. Teams, die abwarten, statt voranzugehen.

Der erste Schritt zur Veränderung ist die Diagnose. Nicht mit grossen Analysen, sondern mit ehrlichen Fragen: Wie lange dauern wichtige Entscheidungen bei uns tatsächlich? Würden alle im Team dieselbe oberste Priorität nennen, wenn man sie unabhängig voneinander fragte? Und: Bauen wir als Führungsteam aktiv Fähigkeiten für morgen auf – oder verwalten wir vor allem das Heute?

Diese drei Fragen sind keine Rhetorik. Sie zeigen, wo Widerstand im System steckt.

Weniger Widerstand, mehr Wirkung

Das Gute am Ohm’schen Gesetz: Es lässt sich umkehren. Wer den Widerstand senkt, erhöht automatisch den Energiefluss. In Organisationen bedeutet das: klarere Entscheidungswege, weniger Abstimmungsaufwand, mehr Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Menschen.

Manchmal braucht ein Team keinen zusätzlichen Motivationsschub. Es braucht weniger Reibung im System.

Drei Fragen zur Reflexion:

  1. Wo treffen Sie wichtige Entscheidungen in Stunden – und wo in Wochen?
  2. Kennen alle Personen in Ihrem Team dieselbe Top-Priorität?
  3. Wo entsteht bei Ihnen gerade Reibung, die keine Wirkung erzeugt – sondern nur Energie kostet?

Vielleicht steckt darin der wichtigste Hebel, den Sie gerade haben.

Zum Autor:
Volkmar Völzke ist Erfolgs-Maximierer. Buchautor. Berater. Coach. Speaker. www.volkmarvoelzke.ch

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