Industrie 4.0: China baut Vorsprung aus, DACH-Region fällt zurück
Eine neue Studie zeigt: Während China und die USA ihre Produktion konsequent digitalisieren, stagniert die DACH-Region beim Einsatz von Industrie-4.0-Technologien. Besonders beim digitalen Zwilling und bei Software-Defined Manufacturing besteht erheblicher Nachholbedarf. Die achte Auflage des Industrie 4.0 Barometers von MHP und der LMU München analysiert erstmals auch Indien und Mexiko.

China gestaltet die Fabrik der Zukunft, während Europa, insbesondere die DACH-Region, mit der Vergangenheit kämpft. Gewachsene IT- und OT-Landschaften sowie fragmentierte Datenstrukturen bremsen den Fortschritt. Währenddessen übernimmt China die Spitzenposition in den Bereichen Supply-Chain-Transparenz, digitaler Zwilling, Automatisierung und KI. Das sind zentrale Ergebnisse aus dem Industrie 4.0 Barometer 2026, das die Management- und IT-Beratung MHP in Kooperation mit Prof. Dr. Johann Kranz von der Ludwig-Maximilians-Universität München veröffentlicht hat.
Für das Industrie 4.0 Barometer 2026 wurden mehr als 1200 Personen aus Industrieunternehmen in der DACH-Region, im Vereinigten Königreich, in den USA, in China sowie erstmals in Indien und Mexiko zu ihrer Einschätzung des Status quo von Industrie 4.0 im eigenen Unternehmen befragt. Die Studie macht Erfolge sichtbar, deckt aber auch Lücken in den abgefragten Themenbereichen auf.
Digitalisierungsgrad steigt weltweit auf 68 Prozent
International nimmt der ermittelte Digitalisierungsgrad der Industrie weiter zu: Der Gesamtbarometerwert erhöht sich von 48 Prozent im Jahr 2022 auf heute 68 Prozent in allen Themenbereichen. Allerdings sind dabei zwei Regionen deutlich in Rückstand geraten: DACH stagniert bei 57 Prozent, das Vereinigte Königreich sinkt auf 62 Prozent. Währenddessen erreichen China 72 Prozent, die USA 69 Prozent, Indien 68 Prozent und Mexiko 67 Prozent.
«Weltweit steigt der Digitalisierungsgrad in der Industrie, auch Europa kommt voran», sagt Dr. Johann Kranz, Professor für Digital Services und Sustainability an der LMU München. «Doch im Ländervergleich setzen USA und China digitale Produktionstechnologien schneller, integrierter und skalierbarer als europäische Unternehmen um. Auch Indien und Mexiko, die wir erstmals mitanalysieren, zeigen teilweise bessere Ergebnisse.»

Technische Schulden bremsen die Transformation
Wenn die digitale Transformation gebremst wird, dann meist durch technische Schulden: Heterogene Altsysteme, fragmentierte Datenlandschaften und begrenzte Interoperabilität erschweren die Einführung neuer Technologien. Beispielsweise bewerten 42 Prozent der befragten DACH-Unternehmen ihre Datensilos als Hemmnis, 52 Prozent ihre historisch gewachsenen IT-Systeme. Diese klassischen Hindernisse werden jedoch in unterschiedlichem Tempo überwunden.
Digitaler Zwilling: DACH-Region bildet Schlusslicht
Besonders bemerkenswert sind die Differenzen bei digitalen Zwillingen: Der Barometerwert für den Einsatz in Werken und Maschinen steigt von 54 Prozent auf aktuell 62 Prozent, im Anwendungsbereich Logistik von 61 auf 67 Prozent. Damit etabliert sich der digitale Zwilling schneller als jede andere der abgefragten Technologien.
Über alle Anwendungsfelder hinweg nimmt China beim digitalen Zwilling eine klare Spitzenposition ein. Besonders ausgeprägt ist der Logistik-Kontext: 84 Prozent der befragten chinesischen Unternehmen setzen dort partiell oder vollständig auf diese Technologie. Dahinter folgen Mexiko mit 74 Prozent, Indien mit 68 Prozent, die USA mit 61 Prozent und das Vereinigte Königreich mit 54 Prozent. Die DACH-Region bildet mit 42 Prozent das Schlusslicht.

DACH steckt im KI-Hype-Gap fest
Auch im Umgang mit Künstlicher Intelligenz im Produktionsumfeld nehmen China und die USA eine Vorreiterrolle ein: Bei partiellem oder vollständigem KI-Einsatz liegen die chinesischen Teilnehmer mit 71 Prozent vorn, gefolgt von Indien mit 61 Prozent und den USA mit 57 Prozent. Mexiko und das Vereinigte Königreich bilden das Mittelfeld mit 51 respektive 48 Prozent, während die DACH-Region mit 37 Prozent hinten liegt.
Die Ergebnisse zeigen, dass viele europäische Unternehmen hier eher vorsichtig agieren. Sie setzen KI bislang nur pilotartig ein, die tiefe Integration in Produktionsprozesse fehlt. Gleichzeitig wird der zukünftige Einfluss von KI hoch eingeschätzt. Diese Lücke verdeutlicht: Ohne solide Grundlagen bei Dateninfrastrukturen, Sensorik und digitalen Zwillingen können smarte Algorithmen nicht produktiv wirken. So bleibt KI in der industriellen Praxis ein Zukunftsversprechen, wird aber kein wirksamer Produktivitätshebel.
Software-Defined Manufacturing als neue Schlüsselkompetenz
Software-Defined Manufacturing (SDM) entkoppelt die Produktionssteuerung von physischer Hardware und schafft einen zentralen Software-Layer, der die Fertigung flexibel, skalierbar und standortübergreifend macht. CIOs nehmen hier eine Schlüsselrolle ein: Sie werden Architektinnen und Architekten der digitalen Fabrik, verantwortlich für IT-/OT-Integration, Datenkompetenz und Investitionspriorisierung.
Vergleicht man die Vertrautheit mit dem noch jungen SDM-Konzept, sind Indien und China Vorreiter: Die Befragten bescheinigen sich mit jeweils 30 Prozent eine «sehr hohe» Vertrautheit. In der DACH-Region sind es lediglich 3 Prozent, im Vereinigten Königreich 6 Prozent. Die USA und Mexiko liegen mit 14 respektive 18 Prozent im Mittelfeld.
Markus Wambach, Group COO bei MHP: «Unsere Daten zeigen klar: Während China und die USA ihre Produktion konsequent software- und datengetrieben transformieren, generiert die DACH-Region kein Momentum. Nur 3 Prozent der Unternehmen hierzulande sind mit Software-Defined Manufacturing sehr vertraut – in China und Indien sind es 30 Prozent. Wer Produktionssteuerung, Daten und Software nicht strategisch zusammenführt, riskiert seine Wettbewerbsfähigkeit.»
Investitionsbereitschaft als Schlüsselfaktor
Voraussetzung für Digitalisierung ist eine hohe Investitionsbereitschaft: 71 Prozent der Befragten aus Indien geben an, dass ihre Unternehmen bereit sind, erhebliche Ausgaben für neue digitale Technologien zu tätigen. Mexiko folgt mit 65 Prozent und die USA mit 59 Prozent. Erschreckend ist das Ergebnis für die DACH-Region: Dort liegt die Investitionsbereitschaft bei lediglich 29 Prozent.
«Die DACH-Region fokussiert sich stark auf Effizienz und Kostenoptimierung, wodurch strategisches Potenzial für Wachstum, Flexibilität und Innovation häufig ungenutzt bleibt», kommentiert Prof. Dr. Christina S. Reich von der FOM Hochschule für Ökonomie & Management sowie Managerin bei MHP. «Derweil verfolgen Emerging Markets wie Indien, China und Mexiko differenziertere strategische Ziele.»
Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse, dass Europa vor einer massiven Modernisierungsaufgabe steht. Der zentrale Hebel für internationale Wettbewerbsfähigkeit liegt im Abbau technischer Schulden, in der Vereinheitlichung von IT-/OT-Strukturen und in der konsequenten Ausrichtung der Produktion auf softwarebasierte, skalierbare Architekturen. SDM wird zum Gradmesser für industrielle Zukunftsfähigkeit – und zum kritischen Erfolgsfaktor im Kontext von Industrie 4.0.
Die vollständige Studie ist im MHP Newsroom verfügbar.
















